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Normale Version: RPG: Blackrock Castle
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George sah aus den dreckigen Fenstern hinaus auf die weite, offene Landschaft. Das Schloss, in dem er sich befand, thronte auf einer Erhöhung, einem Berg gleich, während sich ein Teppich aus weichem Gras an die Wölbungen der schottischen Highlands schmiegte. Doch davon war heute Abend nichts mehr zu sehen. Der bleiche, kalte Schimmer des Vollmonds ließ alles in einem unwirklichen Licht erstrahlen.

Nachts war einfach alles anders. Nichts war so, wie es am Tage den Anschein hatte. George kannte dieses Bild und doch erfüllte es ihn jedes Mal wieder mit Unbehagen, wenn der Nebel aus den Tälern emporkroch und die Wege unaufhaltsam zu verschlingen schien. Nun waren sie abgeschnitten; mal wieder. Und kein Weg führte hinab ins Dorf, das noch vor kurzer Zeit durch seine Laternen zu sehen gewesen war.
Hoffentlich würde der Nebel bis morgen verschwunden sein, hoffentlich zeigte sich der Westen der Highlands morgen von seiner einladendsten Seite, um die Besucher nicht wieder zu vertreiben.

Hinter sich vernahm er kleine, tippelnde Schritte. Hier ein Klackern, dort ein Klackern und es wurde lauter. »Was gibt es Patricia?«, fragte er mit seiner tiefen, melodischen Stimme und wandte sich in die Richtung, aus der das Geräusche gekommen war. Vor ihm stand eine ältere Frau. Ihr grau meliertes Haar hatte sie zu einem strengen Dutt gebunden, ihr Haupt zierte ein kleines Spitzenhäubchen, das von einigen Haarnadeln zusammengehalten wurde. Auf ihrer spitzen Nase (die den Namen "Himmelfahrtsnase" mehr als verdiente), saß eine Brille, die sie so tief herab gezogen hatte, dass die Gläser fast auf ihren hohen Wangenknochen auflagen.

Sie räusperte sich, zögerte und dachte offenbar über das nach, was sie ihm mitteilen wollte. Geduldig wartete George, bis die Worte über ihre Lippen kamen.

»Die Betten sind gemacht, die Zimmer sind fertig, die Gäste können kommen.«
»Die Kühlschränke und Vorratslager?«
»Gefüllt, Sire!«
»Sehr gut. Wann erwarten wir unsere Gäste?«
»Morgen um 16 Uhr, kurz vor der Abenddämmerung, so wie Sie es gewünscht haben, Sire.«

»Ausgezeichnet«, murmelte er. Eine Bewegung seiner Hand genügte und die Frau, die gerade noch mit ihm gesprochen hatte, verschwand. Sie löste sich einfach im Nichts auf, dem Nebel gleich, der immer dichter wurde.

Den Zeitpunkt hatte er so gewählt, da schon bald darauf die Nacht hereinbrach. Von ihr willkommen geheißen wurde der Pakt besiegelt und die Jagd nach seinem Erbe eröffnet.

Etwas enttäuscht war er darüber, dass er seine Gäste nicht so begrüßen konnte, wie er wollte: mit einem harten, doch freundlichen Handschlag, einem aufrichtigen Lächeln und den Worten »Willkommen, auf Blackrock Castle!«.

Nein, er hatte sich etwas anderes überlegen müssen. Unter der Aufbietung all seiner Fertigkeiten und mit der Hilfe der Leute, die er eingestellt hatte, damit sie seine Gäste bewirteten, hatte er sich auf diesen Tag vorbereitet.

Auch diesmal würde sein Plan wieder aufgehen. Er wiederholte ihn im Abstand von rund zehn Jahren und noch immer fielen seine Opfer, angetrieben durch ihre Gier und ihren Materialismus, auf dieselbe Geschichte herein. Sie machten es ihm so leicht! Sie kamen von weither oder von nah, um das Geheimnis von Blackrock Castle zu ergründen und ein vermeintliches Erbe anzutreten, das nur in ihren kühnsten Träumen existierte. Er ergötzte sich an ihrem Kampf, ihren Rivalitäten und hoffte, dass die ausgewählten Kandidaten ihm auch in diesem Jahr eine so grausige Unterhaltung bieten würden, wie in den Jahrzehnten zuvor.

George blickte erneut aus dem Fenster. Es hatte zu regnen begonnen. Der Wind blies die Nebelschwaden wie Wellen gegen die Felsen und Steine seines Schlosses, das sie niemals erreichen würden. Ein dicker, weißer Teppich lag über seinen Ländereien, während die Regentropfen an den Bleiglasfenstern abperlten und von den Zinnen und Dächern der Türme hinabliefen.

Und er stand noch lange dort, sah dem Treiben zu, beobachtete das Wetter; die drohenden, dicken Wolken, die sich nach und nach vor den Mond schoben und ihm das Licht raubten. Die Dunkelheit. Sie war Georges Element. Er benötigte keine Helligkeit mehr, um zu sehen - und das schon seit Jahrhunderten.

Ein animalisches Grinsen zeichnete sich auf seinen Lippen ab und dann verschwand er plötzlich... einfach so.

~*~

Hallo ihr Lieben!

oben seht ihr das Setting unserer Geschichte, aber bevor wir beginnen können, möchte ich euch darauf hinweisen, dass es in diesem RPG (= Role Play Game) einige Regeln zu beachten gibt, die wir euch hier verlinkt haben.

Es kann jederzeit jemand dazustoßen, wenn Interesse besteht. Wir brauchen lediglich hier einen Eintrag von euch mit dem Steckbrief eures Charakters und den Informationen, wer den Charakter begleitet (wenn er eine Begleitung hat).

Ansonsten wünschen wir euch viel Spaß bei unserer Geschichte, die am Tag nach dem Prolog einsetzt.

Zur Vorgeschichte: Jeder Charakter hat auf irgendeine Art und Weise zuvor erfahren, dass er ein Schloss mit all seinen Reichtümern in Schottland in den Highlands geerbt hat und reist daraufhin zu diesem Ort, um sein Erbe zu begutachten und anzutreten.
In diesem Schloss geschehen allerhand komische Dinge, gruselige, lustige, freudige oder traurige, oder ganz etwas anderes, was unserer Phantasie entspringt. Eins ist jedoch sicher - so einfach werden die Charaktere nicht wieder aus dem Schloss herauskommen. Nun gilt es die anderen "Mitinsassen" zunächst einmal kennenzulernen und herauszufinden, was überhaupt los ist, womit sie es zu tun haben und ob sie tatsächlich etwas erben oder nicht.

Wir freuen uns auf eine gruselige, schaurig schöne Reise und wünschen allen Mitspielern und Mitschreibern viel Spaß!

Bei Fragen hierzu könnt ihr einfach in dem eigens dazu angelegten Diskussionsthread eure Fragen stellen.

~*~

Zu den Regeln:
  • Es gibt keine Begrenzung der Mitspieleranzahl.
  • Die Erbschaft bringt die Charaktere in einem Schloss zusammen, das in den schottischen Highlands gelegen ist.
  • Wir starten in der Jahreszeit Herbst. Ein Wechsel der Jahreszeiten muss zu Beginn des Posts dick und fett vermerkt und zuvor mit dem Gamemaster (Nenya89) abgesprochen werden.
  • Jeder startet gleich und hat dieselben Voraussetzungen. Die Erwartungen an das Schloss unterscheiden sich natürlich. Ein Entkommen aus dem Schloss ist nicht möglich. Die Charaktere können sich ausschließlich im Schloss und auf den umliegenden Ländereien bewegen, die zum Schloss gehören. Sie können nicht zum Dorf gehen, das in unmittelbarer Nähe hinter einem Wald liegt und vom Schloss aus gut sichtbar ist.
  • Es gibt, abgesehen vom Schloss und den darin enthaltenen NPC Charakteren, keinen Charakter, der irgendwelche magischen Fähigkeiten besitzt. Es spielen ausschließlich menschliche Charaktere mit. Keine anderen Rassen wie Vampire oder Zauberer.
  • Das Steuern von mehreren Charakteren ist erlaubt.
  • Mystische Ereignisse sind möglich und von eurem Charakter erfahrbar, jedoch nicht steuerbar. Er hat keine magischen Fähigkeiten, kann aber wohl mystische Fähigkeiten haben, wie z.B. Visionen. Diese sind jedoch wirklich auf ein Minimum beschränkt und müssen jeweils im Diskussionsthema abgesprochen werden.
  • Powerplaying ist unerwünscht. Das heißt niemand kann einen anderen Charakter töten und jeder schreibt seinen eigenen Charakter und nicht / oder nur in gewissem Maße den eines anderen Mitspielers. Dies ist nur gestattet, um die Szene besser fortzuführen (wenn man ggf. nur eine Antwort benötigt, um weiterzumachen) und eine Absprache ist in jedem Fall wünschenswert -> Diskussionsthema oder PN.
  • Man postet immer abwechselnd. Sollten mehrere Charaktere aufeinandert reffen, erfolgen Absprachen. Alternativ spricht derjenige, der gerade dran ist, den danach hinzugekommenen Charakter an und bringt so eine Charakter-Reihenfolge in das Gespräch ein.
  • Die gewünschte Beitragslänge liegt zwischen 200 und 1500 Wörtern, ist aber auch dementsprechend auszubauen oder zu reduzieren, wenn die Szene dies erfordert.
  • Geschrieben wird prinzipiell aus der 3. Person Singular und nicht aus der Ich-Perspektive. Gedankengänge können ggf. aus der Ich-Perspektive formuliert werden.
  • Kann jemand nicht zeitnah posten (weil er ausfällt, aussetzen will/muss oder sonst ein Problem hat), wäre es wünschenswert, wenn ihr eine kurze Info dalasst. Dann wissen wir, dass wir nicht mehr mit eurem Beitrag in der beschriebenen Zeit rechnen müssen.
  • Um gleich den Namen des jeweiligen Charakters vor Augen zu haben, wird dieser fett geschrieben, sobald er das erst Mal in eurem Beitrag auftaucht.
  • Gedanken und eine "Wörtliche Rede" im Flüsterton werden kursiv geschrieben.
  • ...


Und hiermit erklären wir das RPG offiziell für eröffnet :3
Mit einer hastigen Bewegung nahm er seinen Rucksack ab und hielt für einen Sekundenbruchteil inne, als er bemerkte, dass der Träger sich regelrecht in seine linke Schulter gebohrt hatte. Die Haut war so gereizt, dass sie selbst jetzt, wo sie keiner Belastung mehr ausgesetzt war, noch immer unangenehm brannte. Er ignorierte den Schmerz und griff nach seiner Reisetasche. Nachlässig verstaute er sein Gepäck im dafür vorgesehenen Fach und verschwendete nicht einen Gedanken daran, dass es herunterfallen könnte, sollte der Zug scharf bremsen. Schließlich ließ er sich endlich auf seinem Sitz zusammensinken, atmete tief durch und wartete darauf, dass sein Herzschlag sich wieder normalisierte. Das ist ja gerade nochmal gut gegangen!
Sein Puls raste jedoch noch immer, als sein älterer Bruder einen kurzen Augenblick später das Abteil betrat. Schwungvoll stellte er seinen Koffer ab und schnappte geräuschvoll nach Luft, wobei er sich die Seite hielt und das Gesicht verzog; vermutlich verspürte er ein schmerzhaftes Seitenstechen. »Verdammte... Scheiße!«, presste er mühsam hervor. »Fuck! Mein Fuß! Auf den letzten zwei Metern noch umgeknickt. Echt super! Ganz toll!«
Fassungslos schüttelte er den Kopf und ließ sich lautstark fluchend auf den gegenüberliegenden Sitz fallen, was Jonathan mit einem Stirnrunzeln quittierte. Im ersten Moment war er irritiert, weil es Konstantin nicht ähnlich sah, so schnell die Nerven zu verlieren. Es musste schon einiges passieren, bis sein Bruder wütend genug wurde, dass Kraftausdrücke über seine Lippen kamen; und genau das war der Grund, aus dem seine Verwunderung allmählich einem diffusen Gefühl von Schuld wich.

»Tut...« Los, tu’s einfach. Entschuldige dich. »Tut mir leid«, sagte er leise und traute sich kaum seinem Bruder, der noch immer schimpfte wie ein Rohrspatz, in die Augen zu sehen. Hätte ich mich nur nicht so angestellt... »Aber ich...«, setzte er zu einer Erklärung an, »ich konnte doch nicht ahnen, dass es diesmal so heftig sein würde. Als wir das letzte Mal geflogen sind, da-«
»Hast du fünf Tage vorher schon gedacht, dass wir abstürzen und sterben werden, weil Terroristen unser Flugzeug entführen, der Pilot unfähig ist oder die Bodencrew bei der Wartung gepfuscht hat«, fauchte Konstantin. »Ich hätt’s besser wissen müssen«, murrte er. »Dich ’ne Reise planen lassen... Das konnte ja nicht gut gehen, so chaotisch und verträumt, wie du immer bist. Wieso hast du deine beschissene Flugangst nicht einkalkuliert? Du fliegst doch nicht zum ersten Mal, verdammt! Aber Hauptsache, du buchst ’nen Flug, der so spät landet, dass wir auch ohne Zwischenfälle Glück haben müssen, damit wir den letzten Zug noch kriegen... Mal ganz davon abgesehen, dass wir nicht pünktlich ankommen werden. Das macht bestimmt einen wunderbaren Eindruck...«
Jonathan schluckte. Seine Hände krampften sich bei jedem Wort fester um die Armlehnen, bis seine Knöchel weiß hervortraten. Obwohl es ihm schwer fiel, zwang er sich dazu, dem Gefühl, das sich gerade in ihm Bahn brach, nicht nachzugeben. Er meint das nicht so, wie er es sagt, also brich jetzt bloß keinen Streit vom Zaun, ermahnte er sich selbst, aber das war leichter gesagt, als getan. Konstantin wurde äußerst selten unfair, doch wenn er sich tatsächlich zu einer Gemeinheit hinreißen ließ, dann erwischte er treffsicher genau den Punkt, an dem es wirklich weh tat.

»Ich hab gedacht, ich hab’s im Griff«, verteidigte Johnny sich. »Okay? Das letzte Mal, da-«
»Ach, hör doch auf«, winkte Konstantin ab. »Du wolltest dir nur selbst etwas beweisen. Versuch gescheitert, schätze ich.«
»Weißt du was?«, zischte nun auch Jonathan. »Ich hab mich nur um den ganzen Mist gekümmert, damit du dich auf deine blöde Anatomie-Prüfung konzentrieren konntest. Wenn dir das nicht passt, dann sieh doch das nächste Mal selbst zu, wie du klarkommst. Echt, du-«

»Tut mir leid, Johnny«, lenkte Konstantin plötzlich sofort ein und seinem schuldbewussten Gesicht nach zu urteilen, meinte er das ernst. Manchmal beneidete Jonathan ihn um seine Fähigkeit, schnell zur Vernunft zu kommen, wenn er sich falsch verhalten hatte. Bei ihm dauerte das oft wesentlich länger, was nicht selten dazu führte, dass sich die Lage verschlimmerte.
Konna seufzte, schüttelte frustriert den Kopf und rieb sich müde die Schläfen. »Hauptsache, es geht dir wieder besser. Vorhin hab ich echt gedacht, du-«
»Sag’s nicht«, bat Johnny. Er wollte lieber nicht an den Flug und seine Folgen erinnert werden, denn gut fühlte er sich auch jetzt noch nicht. Seine Nerven hatten sich zwar etwas beruhigt, seitdem sie in Inverness gelandet waren, doch das konnte man von seinem Magen kaum behaupten. Er war froh, dass die Anstrengung, die es gekostet hatte, zum Zug zu rennen, keinen Tribut gefordert hatte.
»Ich hätte nicht so gemein sein dürfen«, räumte Konna ein. »Aber das war einfach alles zu viel. Die Probleme beim Check-In in München, der Umstieg ins nächste Flugzeug, der fast nicht funktioniert hätte, weil Max sein Ticket verschlampt hat, der-«
»Wo ist Max eigentlich?«

Zu seiner Schande musste er sich eingestehen, dass er so sehr mit sich selbst beschäftigt gewesen war, dass er das Fehlen seines jüngeren Bruders nicht einmal bemerkt hatte. Sein Blick begegnete dem von Konstantin und sofort wusste er, dass es ihm genauso ging. In seiner Miene spiegelten sich nicht nur Überraschung und Ratlosigkeit, sondern zweifellos auch ein schlechtes Gewissen.
»Oh nein«, stöhnte Konna und kramte bereits sein Smartphone aus seiner Hosentasche, während Johnny noch überlegte, ob es tatsächlich sein konnte, dass sie Inverness ohne Max verlassen hatten. Den Zug hatten sie in allerletzter Sekunde erwischt und... Fuck! Ich hab mich nicht mal nach ihm umgedreht, dabei weiß ich doch, wie lahm er ist...
»Wir haben Max vergessen«, sagte Konna fassungslos zu sich selbst, »wir sind einfach ohne ihn gefahren. Wir-«
»Mama bringt uns um«, entgegnete Johnny tonlos. »Aber sowas von.«
»Was, wenn der jetzt echt in Inverness festsitzt?«, fragte Konstantin hilflos, während er sein Handy an sein Ohr gepresst hielt und scheinbar darauf wartete, dass Max abnahm. »Ich hab doch sein Portemonnaie im Rucksack, damit er das nicht auch noch verliert... wie er heute Morgen fast das Ticket verloren hat. Der hat nicht mal Geld bei sich, geschweigedenn-«
In dieser Sekunde wurde die Abteiltür aufgerissen und die Brüder fuhren vor Schreck zusammen; Konna ließ sogar sein Handy fallen.

»WO. WARST. DU?« Seine Augen schienen aus ihren Höhlen springen zu wollen, doch in der nächsten Sekunde entspannte sich seine Miene bereits wieder. Man konnte die Steine, die ihm vom Herzen fielen, beinahe hören und auch Johnny atmete erleichtert auf.
Max kaute indes unsicher auf seiner Unterlippe herum und sah schuldbewusst vom einen besorgten Gesicht in das andere.
»Ich... Als wir losgerannt sind da... da ist mein Schnürsenkel aufgegangen«, platzte es aus ihm heraus, »und-«
»Du bist hingefallen«, schlussfolgerte Jonathan, der wusste, dass sein Bruder nicht nur unsportlich, sondern noch dazu ein riesiger Tollpatsch war.
»Und du bist nicht mehr hinterhergekommen«, schloss schließlich Konstantin und Max nickte zögerlich.
»Fast«, murmelte er kleinlaut. »Ich bin nicht hingefallen, aber ich hab meinen Schuh verloren und... dann wart ihr auch schon weg.«
»Und was ist jetzt mit deinem Schuh?«, fragte Johnny, der mittlerweile bemerkt hatte, dass Max' rechter Fuß lediglich von einer blau-grün geringelten Socke umgeben war.
»Liegt... liegt noch auf dem Bahnsteig«, flüsterte Max beinahe. »Ich war schon ein paar Schritte weiter, als ich es gemerkt hab. Ich war so im Stress, dass... Ich hätte umkehren müssen, um ihn zu holen, und dann hätte ich ganz, ganz bestimmt den Zug verpasst.«
»Du bist unglaublich, Max.« Fassungslos starrte Konstantin auf die Socke und schüttelte wieder und wieder den Kopf. »Einfach unglaublich...«
»Okay«, erwiderte Johnny seufzend, während Max endlich einen Schritt in das Abteil hinein machte und sich setzte. »Wenn du kaum Zeit verloren hast, wieso... kommst du dann jetzt erst?«
»Wir haben uns Sorgen gemacht!«, warf Konna ein und Max verzog schuldbewusst das Gesicht.
»Ich bin in die falsche Richtung gelaufen«, gab er zu. »Vorhin in London, da seid ihr im Zug schließlich nach links gegangen, nicht nach rechts. Ich hab ja nicht wissen können, dass ihr das diesmal anders macht...«

Etwa eine halbe Stunde später hatte Max es geschafft, mit Konstantins Hilfe noch ein zweites Paar Schuhe im Koffer zu finden und so kehrte allmählich Ruhe ein. Müde lehnte Johnny seinen Kopf gegen das Fenster, an dessen Scheiben dicke Regentropfen hinab rannen. Das kalte Glas kühlte seine Stirn, die ihm als viel zu warm erschien. Ob das die Aufregung ist? Je näher sie Blackrock Castle kamen, desto nervöser wurde er - und das, obwohl er den Flug noch nicht einmal ansatzweise verdaut hatte. In seinem Magen rumorte es jedes Mal, wenn der Wagen durchgerüttelt wurde und allmählich gesellten sich zu der Übelkeit auch Kopfschmerzen. Migräne. Fantastisch.
Er biss die Zähne aufeinander und versuchte, nicht mehr darüber nachzudenken, wie unwohl er sich fühlte. Stattdessen sah er aus dem Fenster, um sich abzulenken. Da die Dunkelheit bereits hereingebrochen war, war nicht viel zu erkennen, doch wenn er sich anstrengte, konnte er wenigstens Schemen von Bäumen und Felsen, von Flüssen und Hügeln, von Brücken und Ruinen ausfindig machen. Der Zug rauschte nur so an ihnen vorbei...
Und trotzdem dauerte es noch über eine Stunde, bis sie endlich das Dorf in der Nähe von Blackrock Castle erreichten und hinaus auf den Bahnsteig traten.
"Sehr geehrte Fluggäste, in wenigen Minuten setzen wir zum Landeanflug auf Inverness Airport an. Bitte begeben Sie sich auf ihre Plätze, legen Sie die Anschnallgurte an und bringen Ihre Sitze wieder in Ihre Ausgangsposition. Das Flybe-Team bedankt sich, dass sie mit uns geflogen sind und wünscht Ihnen einen schönen Aufenthalt in Schottland und eine angenehme Weiterreise. Wir hoffen, Sie bald wieder auf einen unserer Flüge willkommen heißen zu dürfen."

Die Ansage verdeutlichte Tanya, dass der Start in ein neues Leben immer näher rückte. Sie kramte ein Kaugummi aus ihrer Jackentasche und schob es sich in den Mund. Während der Pilot die Ansage in anderen Sprachen wiederholte, drückte sie die kleine Lade der Fensterluke hinauf. Die letzten Jahre hatte sie zahlreiche Flüge bewältigt, über Länder und Kontinente hinweg, rastlos, ziellos, weil ihre Aufträge es von ihr abverlangt hatten. Dadurch hatte sie zwar auch einiges über Sitten und Kulturen verschiedener Länder gelernt und auch einen beachtlichen Wortschatz in der ein oder anderen Sprache ausgebaut, aber jetzt war sie froh darüber ihren hoffentlich letzten Flug, für eine lange Zeit, hinter sich zu bringen. Vielleicht sogar für immer. Tanya seufzte und blickte erwartungsvoll in die voluminöse Wolkendecke unter der sich ihr baldiges, neues Zuhause noch versteckte.

Die Nachricht vom Erbe kam plötzlich, fast schon zu einem erschreckend perfekten Timing. Sie glaubte nicht mehr an Zufälle, hinter allem musste ein tieferer Sinn stecken. Der Gedanke, dass hinter jedem Ereignis eine Bestimmung hing, machte ihr das Leben erträglicher. Deshalb hatte sie das Erbe auch als Zeichen für einen Neuanfang gesehen. Einen Neuanfang, den sie schon vor einem Jahr hatte in Angriff nehmen sollen. Vielleicht hätte sie das ein oder andere damit verhindern können. Sie versuchte den Gedanken abzuschütteln, es brachte nichts, dem hinterherzutrauern, was hätte sein können. Sie musste sich auf die bevorstehende Zukunft konzentrieren. Andernfalls riskierte sie, sich selbst verrückt zu machen. Wer wusste schon, wie alles ausgegangen wäre, wenn sie eher die Reißleine gezogen hätte?

"Alles in Ordnung bei Ihnen?", erkundigte sich die Stewardess, die alle Sitze ablief und überprüfte, ob die Anweisungen des Piloten befolgt wurden. Damit hatte sie Tanya aus den Gedanken gerissen. Sie nickte knapp und sah anschließend wieder aus dem Fenster.

Endlich tauchte das Flugzeug hinab, durch die dichte Wolkendecke hindurch. Kurz dauraf erstreckte sich die weite, offene Landschaft unterm Nebel. Dicke Tropfen klopften ans Fenster, eine traurige Begrüßung.

Was für ein Empfang,
dachte die junge Dame. Hallo, neues Zuhause. Während sie immer weiter sanken, offenbarte sich immer mehr der Pracht der Highlands unter ihr. Bald hätte sie es geschafft. Bald konnte sie ihr Erbe annehmen. Auch wenn sie nicht wirklich verstand, wie sie dazu kam, hatte sie keinen Nerv dafür, das zu hinterfragen. Es war ein willkommenes Zeichen gewesen. Vermutlich war es auch das beste, sich nicht in ihrer eigentlichen Heimat niederzulassen. Sondern andernorts ein neues Leben zu beginnen.

Und während sich immer mehr der schottischen Landschaften offenbarte,
war sich Tanya unsicher, wie sie ihre Fahrt zum Blackrock Castle fortsetzen sollte, sobald sie gelandet wäre. Ihrem Schloss, das nur darauf wartete, von ihr in Besitz genommen zu werden. Mietwagen oder kostspielige Taxifahrt. Preislich lief es vermutlich auf dasselbe hinaus.

Schließlich war es endlich soweit. Sie sah die Lotsen, die anderen Flugzeuge am Boden, den Flughafen, auf den sie zusteuerten. Eine erstaunlich sanfte Landung komplettierte den turbulenzfreien Flug. Die restlichen Fluggäste applaudierten begeistert. Einige hatten sogar bereits ihre Gurte gelöst und packten ihre Taschen zusammen, um schnellstens hinausstürmen zu können. Tanya hatte es nicht eilig, deshalb wartete sie bis das Flugzeug richtig zum Stehen kam und sich der Innenraum etwas lichtete, bevor sie sich vom Sitz erhob und ihr Handgepäck aus dem Fach kramte.

Sie verabschiedete sich bei den Besatzung und trat aus dem Flugzeug. Sie sog die frische Luft tief ein, bevor sie die Stufen hinabstieg und im Regen dem ausgeschilderten Weg folgte. Die Schlange bei der Passkontrolle war zum Glück nicht lang und kam schnell voran, sodass es nicht lange dauerte, bis Tanya die Gepäckausgabe erreichte.

Auch wenn sie es nicht wahrhaben wollte, spürte sie, dass sich eine gewisse Aufregung in ihr bemerkbar machte. Sie hatte es zwar nicht eilig, aber dennoch wartete sie nun ungeduldig auf ihren schwarzen, unscheinbaren Koffer am Gepäckband.
Arlo konnte es nicht glauben, als ein Briefchen zugeflattert gekommen war, mit der Nachricht, dass er ein
Schloss geerbt haben soll. Von wem bitteschön? Seine Eltern und soweit er nach seinen Vorfahren
recherchieren konnte, hatte seine Familie nie viel Geld besessen. Alles war er besaß, hatte er sich allein
verdient. Allein aus berufswegen war Arlo sehr skeptisch. Irgendwas stimmte an dieser Story nicht, da
war er sich sicher.

Nachher werde ich bestimmt Graf Dracula die Hand geben. Oder aber Mika erlaubt sich einen Scherz mit mir,
dann kann er was erleben.

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Er holte den größten Trolley aus der Garage, den er besaß und suchte seine komplette elektronische Ausrüstung
zusammen. Drei Handys, zwei Lappies mit vier Reserve-Akkus, vier iPads und drei digitale Kameras dürften ihn
wohl für ein paar Tage über Wasser halten. Ganz wichtig war noch sein Zelt, für alle Fälle.

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Ob er sich ein kleinen Scherz erlauben und in passender Kleidung nach Schottland reisen sollte? Ein prüfender
Blick auf seine Armbanduhr verriet ihm, dass er sich sputen sollte, aber den Spaß musste er sich trotzdem noch
vor seiner Abreise geben. Er sprintete ins Schlafzimmer, schmiss seine besten Fummel aufs Bett, unter anderem
auch ein improvisiertes Schottland-Outfit und zog sich um.

Arlo konnte sich kaum noch halten vor Lachen. Er stellte seine Kamera auf und drückte auf den Selbstauslöser,
anschließend lief er an die Wand und stellte sich in Pose.

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Er verfasste einen Dreizeiler an Mika und schickte es mitsamt des Bildes ab. Wenn er ihn vereiern sollte, dann
sollte seine Antwort wenigstens humorvoll sein.

Ein Journalist war schließlich auf alle Eventualitäten gefasst. Aus diesem Grund hatte er vorsorglich einen
Erste-Hilfe-Verbandskasten eingepackt. Das war etwas, was ein Paparazzo niemals vergessen sollte.

Er zog sich wieder um, schmiss alles, was er zuvor rausgesucht hatte in seinen Trolley und raste mit seinem
Flitzer zum Flughafen. Bye bye Sunset Valley.

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Er gab sein Gepäck ab und wartete auf das Boarding.

Dreißig Minuten später saß er im Flieger, natürlich erster Klasse und bestellte sich ein Glas Champagner. "Das
bekommen Sie, sobald wir die Flughöhe erreicht haben", sagte die Stewardess.

"Sie sind aber streng", gab Arlo genervt zurück und drückte sich in den Sitz.

"Haben Sie sich auch angeschnallt?"

"Aber natürlich", erwiderte er und guckte gelangweilt aus dem Fenster.

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Die Maschine hob endlich ab und flog dicht über das Meer. Mit der Flughöhe kann wohl noch dauern. Hoffentlich
kriegt das Ding seinen Arsch hoch.

Nach etwa zwanzig Minuten hatte das Flugzeug seine Höhe erreicht und belohnte Arlo mit einem Glas Champagner.
"Auf Schottland", sagte er, stieß mit sich selbst an und trank einen Schluck.
Da waren sie nun. Auf ihrem Weg zum Blackrock Castle und zwischen ihnen ein undurchdringlicher Wald. Während Cole genervt gegen den Wagen des Vaters lehnte, versuchte Amanda etwas auf der Karte zu erkennen, die ihr Papa unter das Licht seines Handys hielt. »Woah! Das ist voll gruselig!«, erklang die Stimme ihrer älteren Schwester. Samantha war schon irgendwo nahe am Tor und spähte durch die Gitterstäbe hinein.
»Pass auf, dass dein Kopf nicht stecken bleibt, oder Arme dich ergreifen und hinein zerren«, riet ihr Bruder Sam, die empört schnaubte und ihn mit einem bitterbösen Blick strafte. »Lass das sein, in so Horrorfilmen überleben doch meistens die kleinen und oder die Tollpatschigen, denen man sonst eh nur zutraut, sie würden als erste sterben!«, rief sie.
Cole grinste. »Gut, dass wir in keinem Horrorfilm sind, Sam. Wir holen nur dieses komische Erbe von Mama und dann ...«
»Cole!«, zischte Daniel. Amy sah zu ihrem Vater auf, während Samantha in lautes Gackern verfiel. »Verscherz es dir nicht mit Daddy. Du weißt ganz genau, dass das Mums Erbe ist!«
»Seid nun mal leise, bei diesem schrecklichen Licht kann ich noch viel weniger auf der Karte sehen.«
»Ich will auch gucken!«
Samantha sprang an seine Seite und wollte ihm die Karte entreißen, doch ihr Bruder reagierte blitzschnell und entwendete ihr die Karte.
»Es gibt einfach keinen anderen Weg. Gehen wir halt durch diesen bescheuerten Wald. Es sieht ganz so aus, als wäre dieser Parkplatz dafür da die Wagen hier abzustellen und den Rest des Weges zu Fuß zu nehmen. Vielleicht irgendein national Park oder ... sowas. Ich hab keine Ahnung«, murmelte Cole und fuhr sich seufzend durch die schwarzen Haare. »Lasst uns hoffen, dass der Weg bis zum Schloss hinauf nicht allzu matschig ist, ich hab nämlich keine Lust dort oben anzukommen, während ich aussehe, als hätte ich die Nacht bei Wildschweinen verbracht.«
Sam kicherte. »Oh Cole, glaubst du, da gibt es jemanden zu beeindrucken? Jemand ...«
»Sam, halt die Klappe... echt. Ich will dahin und dann wieder zurück fliegen.«

Amy lauschte der Diskussion und knöpfte ihren Mantel zu. Ihr war kalt. Hier in Schottland war es frisch. Während sie schon vorgestern in Edinburgh gelandet waren, um sich die Stadt zuvor noch anzusehen, hatte es sich merklich abgekühlt. In Seattle war es deutlich wärmer gewesen. Zunächst hatte sie es auf die Folgen des Jetlags geschoben, doch tatsächlich war es hier ziemlich frisch.
»Vor Allem, sollten wir uns beeilen, bevor wir hier erfrieren«, murmelte sie und spürte im nächsten Moment, wie sich etwas weiches um ihren Hals legte. Sie sah auf. »Ich hab an alles gedacht, damit meine kleine Schwester sich nicht erkältet«, murmelte Cole und grinste frech. Doch Amanda war heute nicht danach sich gegen seine fürsorglichen Anwandlungen zu wehren. Tatsächlich nahm sie den Schal dankend an und wickelte ihn sich noch ein wenig fester um den Hals. Schon viel besser.

Als ihr Vater erfahren hatte, dass ihre Mutter ein Schloss in Schottland erben sollte, war er natürlich zunächst reichlich skeptisch. Doch Nachforschungen ergaben, dass sie tatsächlich Vorfahren aus Schottland hatte. Ihre Oma, mütterlicherseits hatte tatsächlich in der Gegend gelebt, während der Vater ihres Vaters wiederum aus Irland stammte. Eine seltsame Mischung, im Grunde konnte Amy nun nicht mehr genau bestimmen, ob sie jetzt zu einem achtel, einem viertel oder einem sechzehntel eine Schottin war, oder ob diese Verwandtschaft überhaupt nicht mehr zählte. Fakt war, das nichts dergleichen auf ihrem Pass stand - außer, Amerikanerin.
Während Samantha einfach nur das Abenteuer suchte und ohnehin nicht alleine zu Hause bleiben wollte, war Amy mitgekommen, weil sie Europa liebte. Es faszinierte sie, die alte Geschichte, die weitreichende Historie der Länder, der Völker, die Europa durchquert hatten. Amanda liebte Burgen, Schlösser, alte Städte und allein Edinburgh hatte ihre Phantasie beflügelt. Was war hier früher geschehen? Sie wollte mehr über das Land und die Stadt herausfinden! Sie wollte Stonehenge sehen und all die mystischen Orte Schottlands - genauso, wie die Highlands, in deren Nähe sie sich ja nun befanden.
Cole wiederum war nur dabei, um auf sie alle aufzupassen und seinen Vater ein wenig zu unterstützen. Er hatte sich von Anfang an auf diese Reise nicht gefreut, sie Amy zuliebe jedoch gemacht, weil er wusste, wie sehr ihr dieser Urlaub bedeutete.

Überraschender Weise hatte ihr Vater zugestimmt, sie aus der Schule fern zu halten, sofern sie sich, für die Zeit hier, an einer Schule einschrieb. Das hatte sie getan, aber noch waren Ferien. Ihr Vater beabsichtigte seinen Schwiegereltern einen Besuch abzustatten und alles, was das Erbe betraf, in Schottland abzuklären.
Der Flug von Seattle über New York, bis nach Edinburgh war normal verlaufen, ohne Komplikationen oder sonstige störende Faktoren. Und dennoch hatten sie zunächst einige Tage in Edinburgh verbracht, um sich an die Zeit anzupassen und etwas Sightseeing zu betreiben. Während sie dabei von altem Gemäuer zu altem Gemäuer gerannt war (mit Cole im Schlepptau), hatte ihr Vater Daniel sich damit beschäftigt dafür zu sorgen, dass Sam nicht die kompletten Süßigkeitenläden Edinburghs leer kaufte (»Aber das ist Milka! Und Kinder! Daddy, ich MUSS das probieren! Auf Youtube berichten Leute nur davon!«).

Der gesamten Familie war es ein Rätsel, wie viel Sam tatsächlich gekauft hatte und wie lange sie mit ihrem Vorrat auskommen würde. Amanda bezweifelte sogar, dass Sam selbst es überhaupt wusste.

»Worauf warten wir noch? Lasst uns gehen und ...«
»Sam hat Recht, wir sollten das Schloss erreichen, bevor die Nacht hereinbricht.«
»Sag ich doch, Dad, lass mich einfach mal ausreden ...«
Daniel schloss den Wagen ab, nachdem er die Koffer davor gestellt hatte und schulterte seinen und Sams Koffe. Cole nahm Amandas und seinen und die vier machten sich auf den Weg in den Wald hinein.

Sam lief voraus. Die dunkelroten Haare mit den türkisfarbenen Spitzen wippten im Takt ihrer Schritte auf und ab, während der Wind sie ordentlich durchföhnte. Amy schob ihre Kapuze über ihren Kopf, um zu vermeiden, dass ihre Ohren vom Wind zu kalt wurden.
»Gehen wir lieber etwas schneller«, murmelte Cole, bevor sie aufbrachen. Doch der Weg war nicht so kurz, wie erhofft ...
Koffer für Koffer wurden nach und nach auf das rotierende Gepäckband befördert. Tanya blickte auf ihre
Armbanduhr und erlaubte sich einen raschen Blick zur Orientierung auf die beschilderten Auswege.

Sie hatte sich letztlich dafür entschlossen, einen Wagen zu mieten, denn sie hatte keine Lust sich mit irgendwem
zu unterhalten. Wer wusste schon, ob sie nicht einen Fahrer der besonders gesprächigen Sorte erwischen würde?

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Als endlich ihr schwarzer Koffer aufs Band flog, schnappte sie diesen und stellte ihn auf den Rollen ab. Nachdem
sie den Griff auf eine angenehme Höhe eingestellt hatte, schob sie den Koffer neben sich her, während sie durch
den Flughafen eilte.

„Entschuldigen Sie, wo kann ich einen Mietwagen bekommen?“, erkundigte Sie sich schließlich an einem
naheliegenden Serviceschalter. Die Dame zeigte in eine Richtung und fügte hinzu: „Dort entlang, dann nach rechts,
bei dem Zugang zum Parkhaus finden sie mehrere Schalter verschiedener Anbieter.“ Tanya nickte und bedankte
sich für die Auskunft. Dann folgte sie der Anweisung. Auf dem Weg kam sie an allerlei Läden und Cafés vorbei,
die sie allesamt ignorierte und zielstrebig und zügig Richtung Mietwagenverleih lief.

An einem der besagten Schalter stand ein junger Mann. Tanya ging auf ihn zu und überfiel ihn sogleich mit ihrem
Wunsch:

„Hi, ich brauch einen Mietwagen, am besten mit Navi, bitte.“

„Na, da weiß wohl jemand ganz genau, was Sie möchte“, bemerkte er lächelnd.

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Anschließend wandte er sich dem PC zu und überprüfte die vorhandenen Autos im System. Er drehte den
Bildschirm herum, sodass Tanya die Auswahl begutachten konnte.

„Diese Autos kann ich Ihnen noch anbieten. Was darfs sein?“,

„Ich nehme den Landrover. Zwei Tage, versichert.“, antwortete Tanya. Sie hatte bereits ihr Portmonee aus der
Tasche gekramt und ihren Reisepass, Führerschein und Kreditkarte auf dem Schalter ausgebreitet.

„Machen Sie Urlaub hier?“, erkundigte sich der Mitarbeiter neugierig, während er ihre Daten aufnahm.

„Nein.“

„Dann treibt sie also die Arbeit hierher?“

„Nein", wiederholte sie sich bereits leicht gereizt.

„Hmm... also wegen der Liebe?“

Genervt zog Tanya eine Augenbraue hoch. Das konnte sie gerade nicht gebrauchen. „Ich wüsste nicht, was sie
das angeht, aber nein.“

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Und bevor er weiternachhaken konnte, fügte sie in einem netteren Ton hinzu: „Ich fahre nach Hause, wenn Sie
es unbedingt wissen müssen. Deshalb wäre ich Ihnen sehr verbunden, wenn Sie sich auf Ihre Arbeit
konzentrieren könnten. Ich möchte nämlich gern schnellstmöglich weiter.“

Sie versuchte sogar, ihm ein ehrliches Lächeln zu schenken. Doch Tanya war sich sicher, dass sie ihr Gesicht eher
zu einer absurden Fratze verzogen haben musste.

„Kleinen Moment noch.“ Ein amüsiertes Grinsen zog sich über seine Lippen. „Ich bräuchte dann bitte noch ihre
Anschrift hier vor Ort.“

Sie sagte nichts und schob ihm den Zettel mit der Adresse des Blackrock Castles zu.

„Ah, schade... doch so weit weg? Dabei habe ich gehofft, wir könnten mal einen Kaffee trinken.“ Er tippte die
Daten ab und sortierte die Unterlagen. Tanya ignorierte den Kommentar und wandte sich von ihm ab, während
sie weiter warten musste.

Zum Glück hätte sie es bald geschafft. Dann hätte sie endlich ihre Ruhe.

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„Sooo... dann haben wir soweit alles.“ Nachdem sie noch einmal alle Daten durchgesprochen, Tanya ihre
Unterschriften gesetzt hatte und der Service-Mitarbeiter ihr gerade den Schlüssel in die Hand drücken wollte,
fragte er:

„Na, was meinen Sie? Die 1- 2 Stunden Entfernung halten Sie doch nicht davon ab, meiner Einladung zum Kaffee
zu widerstehen, oder?“

„Nein, aber mein Interesse an Ihnen tut es“, konterte Tanya gelangweilt und schnappte sich den Schlüssel.

„Dankeschön und Tschüss!“

Sie hatte nicht lang gefackelt und war rasch Richtung Parkplätze geeilt, um ihren Mietwagen ausfindig zu machen
und die letzte Hürde zum Erbe in Angriff zu nehmen.

Erleichtert atmete sie auf, als sie endlich im Fahrstuhl stand, der sie zur Parkanlage fuhr.

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Gott sei Dank würde sie sich in den nächsten paar Stunden erstmal mit keiner weiteren Menschenseele
herumplagen müssen.
Während des Fluges hatte sich Arlo die Zeit vertrieben, indem er ein paar Champagnersorten ausprobiert hatte.
Er saß glücklicherweise im erste Klasse Abteil und hatte Beinfreiheit, die seine langen Beine dringend nötig hatten.
Er hatte mehr getrunken, als er eigentlich vorgehabt hatte. Der lange Flug war Schuld daran.

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Von der Landung hatte er nicht mehr viel mitbekommen. Genauer gesagt gar nichts. Er merkte an der Unruhe
der Passagiere, dass irgendwas passiert sein musste. Noch ehe er in Panik ausbrechen und nach der Sauerstoffmaske
greifen konnte, sah er, dass er sich nur noch in etwa zwanzig Meter Höhe befand. "Puh", stieß er erleichtert aus.

Er erhob sich vom Sitz, ohne den Anschnallgurt öffnen zu müssen, denn er hatte auch verschwitzt, sich wieder
anzuschnallen. Einen Moment lang musste er sich am Sitz stützen, denn der Boden unter seinen Füßen fühlte
sich an, als würde die Maschine gerade zum Start ansetzen.

"Fuck, soviel zum Thema, Alkohol auf nüchternem Magen", nuschelte er leise vor sich hin.

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"Brauchen Sie Hilfe", ertönte eine Stimme hinter ihm und er konnte genau heraushören, dass in der Stimme ein
belustigender Klang mitschwang.

Genervt drehte sich Arlo zu der Stimme herum und entdeckte eine hübsche Stewardess. Er versuchte cool zu
bleiben. "Warum nicht?", gab er zurück. "Ich könnte einen Gepäckträger gut gebrauchen. Da oben ist mein
Rucksack, den können Sie für mich ja schon mal bis zur Kofferausgabe tragen."

"Ich dachte eher daran, Ihnen eine Spucktüte zu reichen. Nicht dass Sie uns hässliche Flecke in der Maschine
hinterlassen. Ansonsten könnte ich auch unsere Sanitäter anrufen, die fahren Sie im Rollstuhl zur nächsten
Krankenstation. Sie sehen ja gar nicht mehr gesund aus. Der Flug ist Ihnen anscheinend ja gar nicht bekommen."

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Leck mich doch am Arsch, dachte sich Arlo und streckte sich anschließend, um seinen Rucksack aus den Fach
ziehen zu können. Er sollte sich beeilen und schnellstens einen Imbiss aufsuchen, damit er etwas in den Magen
bekam, in der Hoffnung, dass sich sein Alkoholspiegel schneller wieder senken würde.

Er musste ja nicht voll wie eine Natter sein Erbe antreten.

Er warf sich seinen Rucksack über die Schultern und torkelte, so gerade wie möglich, aus den Airbus.

Er orientierte sich an den Schildern und fand schnell ein kleines Café. Auf dem großen Flughafen reihten sie die
Fressbuden aneinander. Somit hatte er die Qual der Wahl. Arlo bestellte sich einen Burger und eine große Tasse
Kaffee. Er suchte sich eine stille Ecke und ließ sich dort nieder. Ein großer Schluck sollte ihn hoffentlich auf die
Beine helfen.

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Eigentlich hatte er vor, sich einen Mietwagen zu leihen, aber das konnte er wohl in diesem Zustand vergessen.

Nachdem er aufgegessen hatte, ließ er alles stehen und liegen und machte sich auf, um seinen Koffer abzuholen.
Wie er das hasste. Alle standen wie blöde um das Laufband herum und stierten die Koffer an. Arlo schnappte sich
seinen Koffer und suchte anschließend das Weite. Raus aus der Hektik, dem lauten Geplapper und Kindergeschrei.

Gleich am Haupteingang war ein Taxistand. Viele Wagen standen dort bereit, um Gäste durch die Gegend zu
chauffieren. "Einmal zum Blackrock Castle."

"Alles klar", sagte der Fahrer, setzte den Blinker und bog auf die Hauptstraße.

"Ist das immer so kalt hier?", fragte Arlo zerknirscht.

"Es ist Herbst, was denken Sie denn? Haben Sie keine Jacke dabei?"

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"In Sunset Valley ist der Herbst angenehmer. Meine Jacke ist im Koffer." Prompt bekam er Heimweh nach Sonne,
Strand und seiner vertrauten Umgebung. Eines war sicher. Das Schloss würde er sofort verscherbeln und ganz
schnell wieder einen Abflug machen. Bei den Witterungsverhältnissen würde er schneller in Depressionen verfallen,
als ihm lieb war. Allein der Gedanke an seine Heimat, zauberte ihm ein Lächeln ins Gesicht.

"Na, da liegt Ihre Jacke gut."
Jonathan hatte kaum einen Fuß auf den Bahnsteig gesetzt, als ihm eine Welle kalter, nasser Luft entgegenschlug. Hastig schlug er den Kragen seiner Jacke nach oben, um sich auf diese Weise etwas vor dem Sturm zu schützen, der um ihn herum tobte, doch seine Bemühungen waren vergebens. Ein kräftiger Windstoß erfasste ihn, riss an seinen Haaren, zerrte an seinen Kleidern und peitschte ihm eisigen Regen ins Gesicht. Instinktiv kniff er die Augenlider zusammen und blinzelte hektisch die Regentropfen fort, die seine Augen benetzten, den Blick starr auf sein Ziel gerichtet. Er steuerte direkt auf ein kleines Bahnhofsgebäude zu, das aus dunkelgrauem Stein im Stil eines Cottages errichtet worden war und sich nur dank der Außenbeleuchtung von der nächtlichen Dunkelheit abhob. Es lockte mit einem großen Vordach, das den Platzregen, der sich in Strömen vom Himmel ergoss, einigermaßen abzuhalten vermochte - zumindest solange der Wind aus einer günstigen Richtung wehte.

Angespornt von der Aussicht auf einen trockenen Unterstand, ging er etwas schneller und der pulsierende Kopfschmerz, der ihm schon seit der Zugfahrt zugesetzt hatte, verstärkte sich mit jedem Schritt. Er biss die Zähne zusammen und versuchte diesen Umstand ebenso zu ignorieren, wie die erneut aufkeimende Übelkeit, doch plötzlich verschwammen die Konturen des kleinen Bahnhofsgebäudes vor seinen Augen. Ihm wurde so schwindlig, dass er für einen kurzen Augenblick stehen bleiben musste. Nachdem er den letzten Wetterumschwung, zwei schlaflose Nächte aufgrund des bevorstehenden Fluges und den Stress der vergangenen Tage ohne Migräne überstanden hatte, traf sie ihn nun umso heftiger. Heimtückisch kroch sie immer genau dann hervor, wenn er sie am wenigsten gebrauchen konnte: unmittelbar vor Klausuren, in der arbeitsintensiven Phase vor Abgabe einer Seminararbeit, auf Partys, im Vorfeld eines wichtigen Fußball- oder Eishockeyspiels, während eines Dates... und jetzt.

Falls sich die Möglichkeit bot, kurierte er seine Migräne mit ausreichend Ruhe und Schlaf, doch er ahnte, dass er heute Abend weder das eine noch das andere bekommen würde. Seine Tabletten hatte er aber dummerweise zu Hause vergessen und das, obwohl sein Vater ihn mehrmals daran erinnert hatte. Er hatte jedoch jedes Mal abgewunken, weil er Besseres zu tun gehabt hatte und darauf bestanden, dass er nicht mehr zehn Jahre alt und folglich erwachsen genug war, um seinen Koffer alleine zu packen. Nach einer Weile hatte sein Vater schließlich nachgegeben, allerdings nicht, ohne ihn ein letztes Mal eindringlich zu ermahnen (»Dir muss man ja alles fünfmal sagen, bis du tust, was man von dir verlangt. Aber bitte, wenn du nicht auf mich hören willst... Ich hab dich gewarnt. Sobald ihr in diesem winzigen abgelegenen Kaff seid, die Kopfschmerzen immer schlimmer werden und weit und breit keine Apotheke zu sehen ist, wirst du an mich denken. Du wirst dir noch wünschen, du hättest auf mich gehört.«) Hätte ich doch nur auf ihn gehört und die blöden Tabletten sofort eingepackt, anstatt alles bis zur letzten Minute aufzuschieben...

Frustriert und verärgert über sich selbst ging er endlich weiter, um zu seinen Brüdern aufzuschließen, die sich bereits ins Trockene gerettet hatten. Phrasen wie »Wer nicht hören will, muss fühlen« oder »Dummheit gehört bestraft« schossen ihm durch seinen schmerzenden Kopf und trugen nicht gerade dazu bei, seine Stimmung zu heben.
»Geht’s dir nicht gut?«, riss Max ihn aus seinen Gedanken, als er das Bahnhofsgebäude erreichte.
»Alles okay«, log Johnny und rang sich ein müdes Lächeln ab. Eher würde er sich auf die Zunge beißen, als zuzugeben, dass sein alter Herr - mal wieder - Recht behalten hatte. Es wurmte ihn so sehr, dass sein Vater so oft schon im Vorfeld mit einem dummen Fehler seinerseits rechnete - aber es war noch viel schlimmer, dass er damit meist auch vollkommen richtig lag. Konstantin wäre das nicht sicher passiert, dachte er. Sein Bruder war stets vernünftig und pflichtbewusst (sah man davon ab, dass er Max um ein Haar in Inverness vergessen hätte) und handelte grundsätzlich klug und umsichtig, kurzum: Er gab ein leuchtendes Vorbild ab. Manchmal ist er so perfekt, dass es schon gruselig ist - oder zum Kotzen. Kein Wunder, dass Opa ihn geschickt hat, um über das Erbe zu verhandeln... Während Max regelrecht darum gebettelt hatte, mitkommen zu dürfen, da er unbedingt einmal nach Schottland gewollt hatte, wäre Johnny am liebsten zu Hause geblieben. Er hatte sich nur auf diese Reise eingelassen, weil alle auf ihn eingeredet und ihn dazu gedrängt hatten. »Du musst wirklich auf andere Gedanken kommen«, »du kannst dich doch nicht ewig einigeln... fahr' mit und hab ein paar schöne Tage« oder »ein wenig Abstand wird dir sicher gut tun«, hatten die Argumente gelautet, die dabei am häufigsten gefallen waren.

»Wo ist eigentlich Konna?«, wechselte er rasch das Thema, um sich abzulenken und zu verhindern, dass die Erinnerung ihn wieder einholte.
»Der ist nur ein Stück die Straße runter, weil sein Handy hier keinen Empfang hat«, entgegnete Max. »Er wollte daheim anrufen, um Mama und Papa Bescheid zu sagen, dass wir gut angekommen sind... Ich krieg übrigens auch kein Netz... Echt schräg...«
»Ja, sehr«, bestätigte Johnny seufzend und setzte schon zu einer spitzen Bemerkung an, als er es sich im letzten Moment anders überlegte. Ich sollte mich nicht über ihn lustig machen, sondern froh und dankbar sein, dass wir überhaupt zusammen unterwegs sein können... Nach allem, was passiert ist.
Er schluckte schwer, fasste sich aber schnell. »Hast du vielleicht den Flugzeugmodus noch eingeschaltet?«, verpackte er seine Vermutung schließlich in eine Frage. Dieses Vorgehen erschien ihm freundlicher, als seinen kleinen Bruder direkt darauf hinzuweisen, dass er mal wieder das Naheliegendste übersehen hatte.
»Oh... Oh!« Max zauberte sein Smartphone hervor und schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn, nachdem er einen Blick auf das Display geworfen hatte. »Das ist es!«, rief er erstaunt aus - so laut, dass Johnny zusammenfuhr, weil sein Kopf sich anfühlte, als würde er im nächsten Moment explodieren. »Dass ich da nicht selbst drauf gekommen bin!«
»Man kann ja nicht immer an alles de-«
»Nichts zu machen«, unterbrach Konstantin ihn und gesellte sich zu seinen Brüdern. »Wir müssen nachher zu Hause anrufen. Hoffentlich macht Mama sich keine Sor- Oh, wie siehst du denn aus?« Er musterte Johnny stirnrunzelnd. »Migräne?«
»Nein«, entgegnete er schnell und Konnas Mundwinkel zuckten gefährlich. Er weiß genau, dass ich lüge. Verdammt! Wie merkt er das nur immer? »Ehrlich«, beteuerte er trotzdem. »Mir ist nur noch schlecht vom Flug.«
»Du bist weiß wie ’ne Wand«, murrte sein Bruder. »Nicht, dass du mir aus den Latschen kippst.« Jonathan schüttelte demonstrativ den Kopf, was er augenblicklich bitter bereute.
»Hab ich’s doch gewusst«, murmelte Konstantin seufzend und sah ihn missbilligend an. »Ich hab ganz genau gesehen, wie du gerade die Augen zusammengekniffen hast. Das machst du immer, wenn du starke Kopfschmerzen hast.«
»Und was bringt mir deine messerscharfe Analyse, Sherlock?«, fauchte Johnny und rieb sich die Schläfen. Den Kopf so heftig zu bewegen war die dümmste Idee gewesen, die er heute gehabt hatte. Der Druck auf der rechten Seite wurde so groß, dass es sich anfühlte, als würde sein Augapfel jeden Moment aus der Augenhöhle gepresst. Verdammt, wie er das hasste!
»Wieso hast du mich angelogen?«, giftete Konstantin ihn an. »Oh, lass mich raten... weil du es nicht ertragen kannst, dass Papa Recht behalten hat, richtig? Mannomann, Johnny... Irgendwann wird dir dieser falsche Stolz echt noch zum Verhängnis werden.«
Er steckte kopfschüttelnd sein Handy weg, nahm seinen Rucksack ab, stellte ihn auf den Boden und begann damit, das größte Fach zu durchwühlen, vermutlich auf der Suche nach der Landkarte, in die er den Weg zur Burg eingezeichnet hatte. Johnny presste währenddessen fest die Lippen aufeinander, um zu verhindern, dass ihm etwas herausrutschte, was er hinterher ohnehin nur bereuen würde.

Nach einer Weile erhob Konstantin sich und drückte ihm einen schmalen Tablettenstreifen in die Hand. »Hier«, raunte er.
»Warum-«
»Papa hat sie mir gegeben. Ihm war klar, dass du sie vergessen würdest, aber er wollte dich nicht noch mal dran erinnern, weil du die ganze Zeit so zickig reagiert hast. Er meinte, es wäre ihm wirklich zu blöd, sich wegen ein paar Tabletten mit dir zu streiten.«
Zickig?
»Du solltest besser eine nehmen, falls es dir tatsächlich so mies geht, wie du aussiehst«, riet Konstantin ihm und wedelte mit einer Wasserflasche vor seiner Nase herum. »Ich schätze, das wird noch ein langer Abend. Max, gibst du mir mal die Landkarte?«
»D-die Landkarte?«
Max wurde blass und Johnny hätte sich um ein Haar an dem Wasser verschluckt, mit dem er gerade seine Tablette einnahm.
»Ja... Ich hab sie dir doch vorhin im Flugzeug gegeben, weil du nachsehen wolltest, wie die Seen heißen, über die wir geflogen sind. Erinnerst du dich nicht mehr? Ich brauch die Karte jetzt, damit ich gucken kann, wo wir langgehen müssen.«
»I-ich...«, stammelte Max. »Ich...«
Nein. Nein. Nein. Einfach nur nein. Du hast die Karte nicht verloren. Bitte, bitte, bitte!
»Ich hab sie... ich glaube, ich hab sie im Flugzeug liegen lassen«, räumte Max kleinlaut ein. »Vorhin im Zug hab ich sie gesucht, weil ich wissen wollte, wie weit es noch ist und da...«
»Ernsthaft?«, jammerte Konstantin. »Du hast sie unterwegs vergessen? Das kann doch nicht dein Ernst sein«
»T-t-tut mir leid. Aber haben wir denn nicht-«
»Nein«, kam Konna ihm zuvor. »Wir haben keine zweite Karte, du Held. Und falls du Handyempfang haben solltest, brauchst du gar nicht versuchen, dich damit zu orientieren. Ich hab vorhin im Zug schon nach dem Kaff hier gesucht und nicht eine gescheite Karte gefunden.«
»Nicht mal Google Maps?«, fragte Johnny erstaunt und Konstantin nickte, wobei er sich frustriert die Haare raufte.
»Es... es tut mir wirklich leid«, beteuerte Max noch einmal. »Was... was machen wir denn jetzt?«
»Jemanden fragen«, bestimmte Konna und funkelte ihn wütend an. »Und weil du die Karte verschlampt hast, wirst du dich nach dem richtigen Weg erkundigen.«
»Aber... aber...« Max riss entsetzt die Augen auf. Er war schrecklich schüchtern und alleine die Vorstellung, irgendjemanden anzusprechen, den er nicht kannte, flößte ihm wohl schon Respekt ein. Hinzu kam, dass er das Ganze auch noch auf Englisch regeln musste...
»Lass ihn doch«, lenkte Johnny in einem Anflug von Mitleid ein und schließlich gab Konstantin sich geschlagen.
»In Ordnung... Da vorne um die Ecke ist ein Pub. Da finden wir bestimmt jemanden, der uns weiterhelfen kann.«

Eine halbe Stunde später hielten sie eine dilettantisch gezeichnete Karte in den Händen und verließen die kleine Kneipe mit dem wenig vertrauenserweckenden Namen »Black Sheep«. Ihr Weg führte sie durch verwinkelte Gassen, abgelegene Seitenstraßen und schließlich in den Wald. Je weiter sie sich vom Dorf entfernten, desto mehr hoffte Johnny, dass seine Brüder alles richtig verstanden hatten. Er war sich nicht sicher, ob die Batterien seiner Taschenlampe etwaiges »im Kreis laufen« und ein »sich verlaufen« noch mitmachten. Dass das Gelände immer unwegsamer wurde, machte ihn nervös.
Bedauerlicherweise war der Akzent des Wirts, der ihnen wenig begeistert Auskunft erteilt hatte, wirklich jenseits von Gut und Böse gewesen. Im Nachhinein kam es Johnny fast so vor, als hätte der gute Mann sich mit Absicht so unverständlich ausgedrückt, aber er hatte - zugegebenermaßen - auch nur mit halbem Ohr hingehört und darauf vertraut, dass Konstantin die Angelegenheit schon regelte. Er war zu abgelenkt gewesen von seidig schimmerndem, schwarzen Haar, von langen Wimpern, eisblauen Augen und-
»Geht’s dir wieder besser?«, hakte Konstantin nach und sah ihn erwartungsvoll an.
»Auf jeden Fall«, bestätigte Johnny, obwohl er sich noch immer angeschlagen fühlte. »Die Tablette hat meinen Abend echt gerettet...«
»Oh, die Tablette? Nicht etwa... die Bedienung im Pub? Wie hieß sie nochmal?«
»Alice.« Jonathan seufzte. »Dir entgeht einfach nie irgendwas, oder?«
Konna zuckte mit den Schultern und grinste. »Hast du sie wenigstens nach ihrer Nummer gefragt?«
»Ach was, wozu denn? Für die paar Tage, die wir hier sind?« Er nestelte nervös an den Tragriemen seines Rucksacks herum. Gefallen hatte sie ihm definitiv...
»Naja, hat sie nicht zum Abschied irgendwie so etwas wie »Wir laufen uns bestimmt noch mal über den Weg« gesagt?«
Johnny zuckte mit den Schultern. »Wahrscheinlich sagt sie das jedem Typen, der ihr begegnet.«
»Hm, ist vielleicht auch besser, dass du sie nicht gefragt hast. Ich hatte den Eindruck, dass der Wirt ganz und gar nicht glücklich darüber war, dass ihr euch so nett unterhalten habt«, ließ Konna ihn wissen und verzog das Gesicht. »Er hat irgendetwas davon gemurmelt, dass er dich zum Teufel jagen wird, wenn du-«
»Hier waren wir doch schon mal«, maulte plötzlich Max, der vorangegangen war. »Ganz bestimmt! Ich erkenne den Stein wieder...«
Johnny und Konstantin tauschten einen vielsagenden Blick und die Miene ihres kleinen Bruders verfinsterte sich. Ängstlich blickt er vom einen zum anderen und kaute nervös an seinen Fingernägeln. »Ihr glaubt mir nicht!«, stellte er fest.
»Naja, es ist nicht so ungewöhnlich, dass man im Wald Steine findet und-«
»Den hier hab ich aber ganz sicher schon gesehen«, platzte es aus ihm heraus.»Er ist herzförmig, deshalb ist er mir vorhin aufgefallen und... und... Habt ihr eine Ahnung, wo wir überhaupt sind?«

Zehn Minuten später mussten sie sich eingestehen, dass sie tatsächlich irgendwann einen Fehler gemacht hatten. Während Konna der felsenfesten Überzeugung war, dass sie vor ein paar Kreuzungen hätten rechts abbiegen müssen statt links, glaubte Johnny eher daran, dass der aufgemalte Weg an sich das Problem darstellte; doch im Prinzip lief alles auf das gleiche Ergebnis hinaus: Sie hatten sich heillos verlaufen.
Sie irrten eine Zeit lang plan- und ziellos im Wald herum, stolperten über Wurzeln, Äste und Steine, bahnten sich einen Weg durch Büsche und Bäche, bis sie endlich wieder auf einen befestigten Weg stießen, der einigermaßen vertrauenserweckend aussah. Gerade noch rechtzeitig, wie sich herausstellte, denn die Taschenlampe begann zu flackern und ging schließlich aus.

Scheiße!

»Oh nein«, wimmerte Max. »Wie... kommen wir nur wieder zurück?«
»Wir sollten einfach weitergehen«, schlug Johnny vor.
»Im Dunkeln?« Die Stimme seines kleinen Bruders zitterte.
»Ja, klar. Oder willst du hier warten, bis die Nacht vorbei ist?«
»N-nein, aber-«
»Solange wir bergauf gehen, müssten wir eigentlich auf der sicheren Seite sein. Burgen liegen im Regelfall auf Anhöhen, Hügeln oder Bergen. Und den Weg kann man ja auch noch gerade so erkennen...«
»Aber wenn-«
»Pssst«, zischte Konstantin. »Hört ihr das?«
Johnny lauschte angestrengt und nach ein paar Sekunden wusste er, was sein älterer Bruder gemeint hatte. Er vernahm menschliche Stimmen, die immer lauter wurden. Nur einen kurzen Augenblick später sah er eine junge Frau, die mit einer Taschenlampe herumspielte, mit dem Licht verschlungene Muster auf den Boden malte und sich mit jemandem unterhielt, der hinter ihr lief und eine große Landkarte vor der Nase hatte.
»Amis«, murmelte Konna und kratzte sich am Kopf. »Dem Akzent nach jedenfalls...«
Bevor Jonathan etwas entgegnen konnte, setzte sein Bruder sich auch schon in Bewegung und ging auf die Fremden zu. Er gab sich einen Ruck und folgte ihm.

»Hi«, sprach Konstantin die Frau mit der Taschenlampe an. Sie war jünger, als Johnny zunächst vermutet hatte, möglicherweise Anfang zwanzig - und sie war nicht nur in Begleitung zweier Männer, sondern hatte auch ein junges Mädchen im Schlepptau, das nicht viel älter als fünfzehn Jahre sein konnte. »Wir... äh... wir sind auf dem Weg zur Burg und wir haben uns verlaufen«, kam Konna gleich zum Punkt, ohne sich mit Förmlichkeiten aufzuhalten. »Können Sie uns vielleicht weiterhelfen?«
Amanda kam es so vor, als irrten sie schon eine gefühlte Ewigkeit durch den undurchdringlichen Wald, der noch vor ihnen lag. Immer wieder war da dieser Baum, der ihr bekannt vor kam und von dem sie schwören konnte ihn schon einmal gesehen zu haben.
Wäre es Samantha, die die Familie anführte, hätte Amy sich kein bisschen gewundert, dass sie nicht ankämen - ihre große Schwester hatte das Orientierungsvermögen eines Laubhaufens - doch es war ihr Vater, der voranging. Sam leuchtete den Weg hinter ihnen ab und flüsterte immer wieder vor sich hin. »Ich glaub, da war was!«, doch nachdem sie etliche Male nachgesehen hatten, was Sam gesehen haben könnte, gaben sie es auf und überließen Samantha ihrer Phantasie.

Eigentlich ging Amy sehr gern im Wald spazieren. Der weiche Boden unter ihren Füßen, der hier und dort nachgab, das leise Rascheln des Windes in den Bäumen oder die Sonnenstrahlen, die ihr Licht durch das Blätterdach warfen. Amy liebte Wälder! Doch hier war alles anders. Was zunächst noch so ruhig und angenehm ausgesehen hatte, war nun vielmehr ein Abenteuerpfad. Ein Weg, der nie zu enden und sich zu allem Übel noch ständig zu wiederholen schien!

Plötzlich blieb Cole stehen und sie lief prompt in ihn hinein, sodass er sie festhalten musste, damit sie nicht umfiel. »Pscht!«, zischte er, legte einen Zeigefinger an seine Lippen und deutete ihr an zu schweigen. Dann horchten sie. Sogar Sam schien die Luft anzuhalten, was für jemanden, der so gerne sprach und plapperte, echt schwer war!
»Da kommt jemand«, murmelte Cole.
»Oh Gott, warum hab ich nur vorher diesen blöden Horrorfilm geguckt!«, jammerte Sam und sah äußerst unglücklich drein.
»Vielleicht sind es nur Wanderer, die uns helfen können, den richtigen Weg einzuschlagen.«
»Oder es sind Untote, die herum rennen und sich nach Gehirnen sehnen!«, mutmaßte Samantha.
Nahezu jeder aus der Familie verdrehte die Augen, bis auf Amy, die nicht allzu glücklich mit dieser Situation zu sein schien. Sie hatte den Kopf eingezogen und lauschte in den Wind, der einen eisigen Luftzug mit sichbrachte.
Sie fröstelte.
»Glaubst du, da ist wirklich was?«, fragte Amy ihre große Schwester, die ihre große Chance witterte, um zumindest einen mit auf ihren persönlichen Gruseltipp zu nehmen.
»Ja! Hier lauert bestimmt irgendwas, guck dir den Nebel an und es ist richtig, richtig kalt. Das ist normalerweise nur so, wenn Geister in der Nähe sind.«
»Geister???«, fragte Amy geschockt und knabberte auf ihrer Unterlippe.
»Sam, mach ihr keine Angst, das ist doch Blödsinn!«, grunzte Cole seinen Schwestern zu.
»Ich will sie nur darauf vorbereiten, dass etwas geschehen kann!«, stellte sie klar und lächelte ihn triumphierend an, da Amanda ihre Kapuze und den Kragen ihrer Jacke höher zog.
Sie erstarrte, als es hinter ihr erneut knackte. Was war das nur? Schlich sich da jemand an sie heran? Die beiden jungen Frauen marschierten einen Schritt schneller, um ja nicht verloren zu gehen.
Und dann geschah es. Etwas brach aus dem Unterholz hervor und noch bevor Sam überhaupt erkennen konnte, was es war, schrie sie auf und steckte Amy mit ihrem Geschrei an. Cole blieb stehen, als er vor Schreck zusammen gezuckt war und beobachtete seine Schwestern. Sam kreischte noch immer, während Amy unsicher vor den drei Jungs zurückwich. Er schob Amy hinter sich und hielt dem anderen Schreihals den Mund zu.

Der Ältere der Drei begann zu sprechen. Er sprach ganz gut, doch er hörte gleich, dass er aus Deutschland kam. Irgendwie hörte er das immer, aber er verstand ihn sehr gut.
Sam riss sich seine Hand von ihrem Gesicht.
»Woah! Völlig bekloppt hier! Ich hab mich voll erschreckt! Könnt ihr doch nicht machen, wenn wir uns gerade Gruselgeschichten erzählen!«
Amy schnaubte. Es war ihr peinlich, dass sie so losgekreischt hatte. Dieser eine Typ da, dieser ... dieser mit den schwarzen Haaren, der guckte so belustigt. Erst hatte er so ausgesehen, als hätte er Mitleid und dann grinste er auch noch! Sie konnte gar nichts gebrauchen, kein Mitleid und schon gar nicht jemanden, der sich über sie lustig machte! Sam mochte das ja witzig finden, sie aber ganz und gar nicht. Ihre Schwester legte just in diesem Moment eine Hand um ihre Schulter. »Jetzt kann Amy wieder die ganze Nacht nicht schlafen...«
»Ist doch gar nicht wahr!«, fauchte das blonde Mädchen zurück und riss sich von ihr los, um zu ihrem Vater zu stapfen, der zwar nur wenige Meter entfernt stand, doch je mehr Abstand zu den Jungs da vorn hatte, desto besser! Jetzt grinste der eine noch viel breiter! Er sollte aufhören, sich über sie lustig zu machen!

Cole räusperte sich. »Hm ... wir wissen im Grunde selbst nicht genau, welchen Weg wir nehmen sollen. Wo wollt ihr drei denn hin, wenn man fragen darf?«
»Na zur Burg!«, warf der schmächtigste von beiden ein und riss augenblicklich die Augen auf, als wären ihm die Worte nur aus Versehen heraus gerutscht.
»Aha ... und was wollt ihr da? Ist da irgendwas spannendes? Wir sind nämlich auch auf dem Weg dorthin, aber wir sind nicht davon ausgegangen, auf andere zu treffen«, merkte er skeptisch an. Sein Vater gesellte sich dazu und ließ Amy verzweifelt auf dem Weg stehen.
Sam gesellte sich zu ihrer kleinen Schwester. »Vielleicht ist das besser ... die gehen einfach hinter uns oder so und dann werden die zuerst gefressen, was meinst du?«, flüsterte sie.
Nachdem sie den Mietwagen in der Tiefgarage entdeckt und ihr Gepäck verstaut hatte, richtete Tanya das Navi
ein und fuhr anschließend los. Die Scheibenwischer ackerten unermüdlich und schabbten die nassen Perlen von
der Frontscheibe, die in regelmäßigen Abständen versuchten ihr die Sicht zu erschweren. Dass diese dabei
quietschten, wie eine Maus während sie zu Tode gefoltert wurde, trug nicht gerade zur guten Laune der Fahrerin
bei.

"Na super. Das wird wohl eine anstrengende Fahrt", dachte Tanya bei sich und bereute beinahe, dass sie sich fürs
selberfahren entschieden hatte. Sie schaltete das Radio ein, während sie über die nassen Straßen bretterte. Der
Regen und die aufkeimende Dunkelheit hinderten sie nicht daran, so schnell wie möglich zu fahren. Sie wollte
endlich ankommen und das Schloss begutachten, welches ihr gehören würde.

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Während der Fahrt nahm sie sich auch endlich mal Zeit, sich weitläufigere Gedanken wegen des vermeintlichen
Erbes zu machen. Eines stand definitiv fest: Sie konnte es nur einem Verwandschaftsverhältnis ihres Vaters
verdanken. Aber ihn würde sie deshalb wohl nicht mehr fragen können. Auch wenn er nie etwas diesbezüglich
erwähnt hatte, aber wann erwähnte man schon jeden einzelnen Verwandten, der irgendwo in der Weltgeschichte
rumlungerte und zudem man wahrscheinlich gar keinen Kontakt hatte oder pflegen wollte?

Ja, solche Verwandtschaften gerieten irgendwann einfach in Vergessenheit. Bei ihrer Mutter konnte sie sich
einfach keine entsprechenden Verhältnisse zusammenreimen und vorstellen. Es war jedenfalls nicht undenkbar,
auch wenn mittlerweile der ein oder andere Zweifel aufkeimte. Aber was brachte es? So oder so würde sie sehen
wollen, was Sache ist.

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***** ***** *****

Glücklicherweise war Tanya gut durchgekommen. Das Navigationssystem hatte sie erfolgreich vor vermeintlichen
Staus bewahrt und nach anderthalb Stunden fuhr sie auf einen großen Parkplatz auf. Irritiert sah sie sich um. Es
stand noch ein Auto dort, aber von einem Schloss konnte man nichts erkennen. Laut dem Navigationssystems
würde sie jedoch noch eine gute Strecke zurücklegen dürfen. Allerdings bot das System keine weiteren Wege an,
der für Autos geeignet wäre.

Tanya stieg aus dem Auto und trat an die eisernen Gitterstäbe heran. Offenbar war der schmale Weg durch den
dahinterliegenden Wald die einzige Möglichkeit zum Schloss zu gelangen. Sie seufzte. Wenigstens heißt das, dass
ich dort dann ungestört bin und bleibe.
Wäre da bloß nicht der andere abgestellte Wagen. Ob ich noch mehr
Verwandte habe, die über das Erbe informiert wurden?,
überlegte sie. Hoffentlich nicht. Die einzig weitere plausible
Erklärung gefiel ihr weitaus besser. Immerhin musste das Erbe auch übergeben werden.

Aber es half alles nichts. Sie ging wieder zu ihrem angemieteten Landrover, holte ihr Gepäck heraus und kramte
darin nach ihren Turnschuhen. Mit dem Absatz ihrer Stiefelletten wollte sie nicht durch den Wald latschen. Es wäre
nicht verwunderlich, wenn sie urch den vorangegangenen Regen durch matschige Erde waten dürfte.

Nachdem sie ihre Schuhe gewechsel hatte, durchsuchte sie das Handschuhfach nach einer Karte. Glücklicherweise
wurde sie fündig. Auch wenn sie es nur als potentielles Hilfsmittel dabei haben wollte, wenn das Navi des
Smartphones versagen sollte, war es dennoch beruhigend. Nachdem sie alle weiteren Hilfsmittel
zusammengetragen und in ihrer Handtasche oder einer ihrer anliegenden Taschen verstaut hatte, schloss sie den
Wagen ab. Dann betrat sie den düsteren Wald und hoffte, dass sie nicht allzu lange darin verbringen müsste.

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Sie schaltete im Wald schließlich auch die Taschenlampe des Smartphones an, damit sie sich besser im Wald
orientieren konnte. Wenigstens war sie gewappnet, wenn sie irgendetwas darin anfallen sollte.

Nichtsdestotrotz hoffte sie inständig, dass das Erbe es wert sein würde und sie es nicht teilen musste. Andernfalls
würde sie nicht lange fackeln und sofort wieder die Rückreise antreten, dem war sie sich jetzt schon sicher.