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Porta Caelorum
#1
Wenn das so weiter geht, braucht diese Forum bald ein "Kreativarbeiten" Subforum oder so xD
Wie gewünscht von Yuu Yamaguchi und Kiesele, hier eine meiner (unfertigen) Geschichten...
Ich bin allerdings nicht alleiniger Autor sondern schreibe mit noch jemand anderem, kein Forum-user^^

Porta Caelorum

Derzeitiges Inhaltsverzeichnis:

Fallender Stern
Das Erwachen
Entdeckt
Kapitel 4. (Name gesucht)
Kapitel 5. (wahrscheinlich "Aufgeflogen" - Name gesucht)
Kap5 Teil 2
Kaptiel 6. (in Arbeit, Name gesucht, noch nie Korrekturgelesen)

P.S. Verbesserungsvorschläge und Kritik erwünscht Glücklich (Lob natürlich auch >_>)
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#2

Fallender Stern


Es war eine wilde und stürmische Nacht. Schwere, schwarze Wolken verhangen den Himmel. Die Bäume wurden vom starken Wind hin und her gebeutelt. Äste und sogar kleine Sträucher, die aus der Erde gerissen worden waren, flogen durch die Luft. Laut hämmerten die schweren Regentropfen gegen den Boden und weichten ihn vollkommen auf. Ängstlich kauerten sich die Leute in ihren Häusern in eine Ecke und beteten zu Gott, dass er sie beschütze. Die Hunde jaulten unruhig und die Katzen verzogen sich unter Tische und Stühle. Verschreckt zuckten die Menschen zusammen, als eines der Häuser in sich zusammen stürzte. Plötzlich blitzte etwas am Himmel auf. Wie ein Stein fiel ein leuchtender Stern aus den Wolken und stürzte in den Stall eines armen Bauern.
Am nächsten Morgen hatte sich der Sturm gelegt. Entsetzt betrachteten die Einwohner des eher ärmlich wirkenden Dorfes die Verwüstung. Überall lagen ausgerissene Bäume und Büsche, acht Häuser waren eingestürzt und hatten ihre Bewohner unter sich begraben. Die Felder waren komplett zerstört. Weder Getreide, noch Erdäpfel, noch Karotten waren heil geblieben. Der Bauer, der etwas abseits des Dorfes lebte, wollte gerade nachsehen, ob es wenigstens seinem Vieh im Stall noch halbwegs gut ging. Doch was er dort fand, verwunderte ihn viel mehr, als dass sein Stall mit Ausnahme eines Loches, heil geblieben war. Mitten auf dem Boden lag bewusstlos ein Junge von etwa zwölf Jahren. Er trug eine blutgetränkte Toga, die ursprünglich weißer gewesen war, als alles, was der Bauer bisher gesehen hatte. In der rechten Hand, die von teilweise geronnenen Blutrinnsalen überströmt war, hielt er ein Schwert mit goldenem Griff fest umklammert. Auch sein kurzgeschnittenes, blondes Haar war verkrustet. Sein Kopf hatte eine große Wunde, die unaufhörlich blutete. Doch die gesamte Aufmerksamkeit des Bauern galt den großen, goldenen Engelsschwingen, die aus des Jungen Rücken ragten.
Minutenlang stand der Bauer einfach nur fassungslos da, ohne den Blick von den rot gefärbten Schwingen ab zu wenden.
Dann erst, gelang es ihm, sich auch nach seinen Tieren umzusehen. Im Normalfall hätte er dem Jungen sicher sofort geholfen, aber das Unwetter, letzte Nacht, saß ihm immer noch tief in den Knochen und das, jetzt, war einfach zu viel. Nicht einmal halb anwesend zählte er die Tiere, die anscheinend da waren, wie eh und je.
Erst nach weiteren kostbaren Minuten, hatte er sich so weit im Griff, sich wieder dem Kind zuzuwenden. Immer noch bewusstlos, lag es in seiner größer werdenden Blutlache, ohne sich zu bewegen. Hätte der Bauer davon gewusst, dass selbst ein großer Mensch höchstens acht Liter Blut haben kann, so wäre ihm das sehr ungewöhnlich vorgekommen, so aber machte er sich einfach nur Sorgen.
Vorsichtig hob er den Jungen, der das Schwert nach wie vor nicht los ließ, aber gefährlich mit der Klinge schaukelte, auf. Darauf bedacht, dass sie nichts berührte, ging er aus dem Stall, in den immer noch leicht windigen Sommermorgen. Eine stärkere Böe blies dem Kind die kurzen Stirnfransen aus dem Gesicht und entblößte direkt unter dem Haaransatz ein merkwürdiges Muster in Form eines doppelten Siebensternes.
Um sie herum, war ein Kreis, der jede Spitze berührte und auch in den Schnittpunkten war je ein Kreis.
Kurze Zeit später, lag der Verwundete auf einer harten Holzbank, die der Bauer vor Jahren selbst geschnitzt hatte. Mit der Sanftheit und Präzision eines Holzfällers, der mit der Axt und Schwung einen Bart zu stutzen versuchte, brannte der Bauer die Kopfwunde aus, nahm sich eine Standard-Heilkräutermischung, die ihm ein reisender Händler einst billigst angedreht hatte, zeriss ein altes lumpiges Hemd und verband die Wunde mitsamt Kräutern mit dem Stofffetzen.
Die Bewusstlosigkeit des Kindes musste tief sein: es zuckte bei dieser Tortur kein bisschen, der flache Atem veränderte sich nicht und auch das Herz blieb langsam, fast unbemerkbar. Aber der Bauer konnte einen schwachen Hauch spüren, wenn er die Hand knapp vor des Jungen Nase hielt und auch das Herz war zu hören, wenn er sein Ohr relativ fest gegen dessen Brust drückte. Alles schien den Umständen entsprechend in Ordnung. Alles, außer die Schwingen und das Symbol.
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#3

Das Erwachen


Einige Tage waren seit dem Finden des Kindes vergangen. Der Mann hatte sich in der ganzen Zeit rührend um den Jungen gekümmert. Nachdem er den Blutfluss halbwegs gestillt hatte, hatte er den Jungen komplett gewaschen und ihm dann alte Gewänder aus seiner Jugend angelegt. Für die Flügel musste er Löcher schneiden und das Schwert bekam er nicht aus der Hand des Jungen. Er tat sein bestes, um die Kopfwunde sauber zu halten und wechselte immer, wenn er konnte, den Verband. Er wurde immer geschickter, im Umgang mit dem Kind, das er nie fragen konnte, ob der Verband zu fest sitzt. Vorsichtig flößte er ihm Wasser und flüssige Nahrung ein, hielt ihn mit dicken Decken warm und betete zu Gott, er möge so ein junges Leben doch noch verschonen. Fast eine ganze Woche versorgte der Mann den fremden Knaben, wie ein Vater seinen kranken Sohn.
Am sechsten Tag öffnete der Verletze endlich seine strahlenden, blauen Augen. In seiner rechten Hand spürte er das vertraute Gewicht seines Schwertes, aber er hatte nicht seine gewohnte Toga an. Stattdessen war er in ein altes, kratziges Gewand gehüllt, das ihm nicht ganz passte und das er auf Anhieb nicht mochte. *Muss Menschenkleidung sein. Nur Zwerge nähen noch unbequemere Kleidung* Verwundert versuchte er sich umzusehen. Seine Sicht war noch völlig verschwommen und er schaffte es kaum, etwas zu erkennen. Sein Kopf und seine Gliedmaßen schmerzten höllisch. Jede Bewegung vervielfachte den Schmerz. Bei jedem Atemzug brannte seine Lunge wie Feuer. * Au, was ist hier los? Wo bin ich? * Mühselig richtete er sich auf, nur um in nächsten Moment wieder nach hinten zu fallen. * Was ist denn nur passiert, nachdem ich abgestürzt bin? *, dachte sich der Junge und überlegte kurz. Da ihn aber jeder Gedanke wie ein Dolchstich durchfuhr, ließ er es bald bleiben.
Nach einiger Zeit klärte sich seine Sicht ein wenig und er schaffte es, sich unter Schmerzen aufzusetzen und sich umzuschauen. Er schien sich in einem Haus zu befinden. Allerdings war es nicht im besten Zustand. Aus tausenden Ritzen und Löchern pfiff der Wind sein Lied - mal wütend, mal schaurig, mal schläfrig, mal traurig. Das Holz des Daches wirkte etwas morsch und Schimmel hatte sich an manchen feuchten Stellen angesetzt. Die wenigen Möbel des Hauses waren alle aus Holz und wirkten grob und eher unbequem. Der eine oder andere Sitzabdruck durch Jahrelanges benutzen, zeichnete sich ab. Auch die Tür war aus massivem, dunklem Holz. Beruhigender Weise wirke sie stabil, als würde sie noch Jahrhunderte überstehen und sich auch nicht so schnell öffnen.
Gerade, als das Kind den Gedanken zu Ende gedacht hatte, ging sie urplötzlich auf und ein älterer Herr mit schütterem grauem Haar, ungepflegtem Bart, sonnengegerbter Haut und vielen, recht tiefen Falten im Gesicht trat ein. Er schien sich über den Anblick des Jungen zu freuen. Mit strahlendem Gesicht stürmte er auf ihn zu. „Guten Morgen, junger Mann, wie geht es dir?“, fragt er den Verwundeten sanft. Der Junge hatte beim Anblick des Menschen eher gemischte Gefühle. Allem Anschein nach, hatte er ihm das Leben gerettet und dafür war er dankbar, doch er wusste nur zu gut, dass Menschen auch unberechenbar sein konnten. Es kam nicht selten vor, dass einer seines Volkes von einem menschlichen Wesen wegen seiner goldenen Federn umgebracht wurde. Er zögerte die Antwort hinaus, bis er merkte, dass der Mann, vermutlich ein Bauer, besorgt sein lächeln verlor und dazu ansetzte, etwas zu sagen. „Guden Mooen“, die Zunge des Kindes war geschwollen und es musste sich bemühen, verständlich zu sprechen. Anscheinend hatte es sich bei der Bruchlandung auf die Zunge gebissen. „Ech gehd... Dange, dach chie mir gechholfen haen.“ Es dauerte eine Weile bis der Bauer verstand. Er musste sich die Worte des Jungen mehrmals neu vorstellen. Nach dieser Pause meinte er: „Nicht der Rede wert. Du hast dir auf die Zunge gebissen? Ich war so mit deiner Kopfwunde beschäftigt, dass ich das gar nicht bemerkt hatte…“ Der Vorwurfsvolle Ton störte das Kind. *Er hat mir geholfen, so gut er konnte und macht sich dann Vorwürfe, dass er was nicht bedacht hat. Typisch Mensch. Und dann noch dieses „Nicht der Rede wert“ Eine schreckliche Unsitte der Menschen. Erst lechzen sie nach Lob und dann streiten sie ab, sich diesen verdient zu haben.* Vorsichtig griff der Junge zum Verband, doch auf halbem Weg durchfuhr ihn wieder ein stechender Schmerz und er legte sich wieder hin.
„Ja, das ist besser, bleib ruhig liegen. Hast du Hunger?“ Der Knabe schüttelte vorsichtig den Kopf. *Und wie, aber wer weis, was ein Mensch alles zubereitet?* „Sicher nicht? Ich habe Roggenbrot und eine kräftige Hühnersuppe… Für mich allein währe es ohnehin zu viel.“, behauptete der ältere Herr. Tatsächlich kämpfte er jeden Tag um sein Überleben und wurde niemals satt von dem, was er hatte. Dieses Jahr waren durch die kräftigen Stürme viele seiner Tiere verendet oder vor Angst entlaufen. Das große Feld konnte er kaum alleine bestellen, doch seine Frau war bei der Geburt seines ersten Kindes gestorben und kurz darauf auch das Kind selbst. Zusätzlich kam es nicht selten vor, dass plötzliche Hagelschauer die Ernte großflächig zerstörten. Ihm blieb nur wenig über und davon musste er auch noch was verkaufen und einiges an Steuern bezahlen. Trotzdem war er zutiefst dankbar, für das, was er noch hatte und teilte gerne, so gut er konnte.
Das Kind sah genau, dass der Alte nicht ganz die Wahrheit gesprochen hatte: Er hatte ganz kurz unsicher mit den Augenbrauen gezuckt und die Nase gerümpft. Das Volk des Kindes hatte eine gute Nase für Lügen, was der Hauptgrund war, warum sie es ungern taten. Aber da er selbst auch nicht ganz ehrlich gewesen war, war ihm das im Moment egal. Vorsichtig und langsam formte er ein Wort mit den Lippen: „Brod, bi-e“
Zufrieden lächelnd ging der Bauer kurz raus und kam mit einem Stück Brot, das er mühsam herunter geschnitten hatte, wieder zurück. Vorsichtig nahm es der Engel in seine Hand und lenkte es mit Höllenqualen zu seinem Mund. „Soll ich dir nicht lieber Helfen?“ „Nein… Dange.“, antwortete das Kind darauf und versuchte dabei möglichst freundlich zu klingen. Vorsichtig biss, er in das Brotstück. Kurz darauf, versuchte er, zu erkennen, ob noch alle Zähne vollständig waren und seine Zunge fing wieder an, zu bluten, weil die Rinde so rau war. Davon sagte er aber nichts, und schluckte das Blut mit der, endlich zerkleinerten, Brotscheibe runter. „Wie heißt du eigentlich?“, wollte der Bauer plötzlich wissen. *Ich wusste, dass das kommen würde…*, dachte der Engel wenig erfreut. Im ersten Moment wusste der Engel nicht, ob er wirklich antworten sollte. An Fremde Namen zu verraten, gehörte sich in keinem Volk. Der Mann würde das sicher verstehen, doch er hatte so viel für ihn getan. Wäre man ihm dann nicht wenigstens den Namen schuldig? Nach einem kurzen Hin und Her, entschied er sich, die Wahrheit zu sagen und stammelte: „Gelenas.“ „Ah... Schön. Ich bin Arnold Hartholz. Freud mich, deine Bekanntschaft zu machen.“, antwortete der Bauer mit einem freundlichen Lächeln.
Nachdem der Junge das Brotstück aufgegessen hatte, wollte er wissen, wo sich seine Toga befand. Betrübt holte der Bauer die seltene und anscheinend auch teure Tracht hervor. Entsetzt stellte der Verwundete fest, dass sie völlig ruiniert war. Nicht nur, dass sie von seinem Blut total gerötet war, sie hatte auch lauter Ritzen und Löcher, die von seinem Sturz in den Stall stammten. Einige wenige Löcher an der Rückenseite, stammten höchst wahrscheinlich von einer recht stumpfen und rostigen Schere. Die Schnitte befanden sich alle im Flügelbereich. Das ließ den Jungen vermuten, dass der Bauer seine Schwingen nicht durch die Kleidungsöffnungen gebracht hatte, was er ihm auch nicht verübeln konnte. Selbst für einen Engel war es schwer, sich zu bekleiden. Daher wechselten sie ihre Sachen nur sehr ungern und taten dies nur im Notfall. Die Stoffe, die sie verwendeten waren sowieso schweißdurchlässig und aus einem robusten, dehnbaren Material, das nicht so leicht reißen konnte. Kelenas konnte sich gut vorstellen, dass den Bauern diese Eigenschaften zusätzlich beim Schneiden gehindert hatten.
Nach einer Weile des Schweigens, begann der Bauer, fragen zu stellen. Teilweise waren diese ziemlich unangenehm:
„Wie sieht es eigentlich aus, da oben?“
*Wieso kommt er jetzt darauf?* „Egntlih dahf ih das nihd saen.“
„Hmm… Da oben dürfte es wohl nicht allzu rosig zugehen, derzeit. Sonst wärst du wohl kaum gefallen… Oder bist du etwa ein…“
„NEIN!“, die Erregung, die die Worte des Bauern verursachten, ließen den Jungen kurzzeitig völlig auf seine Schmerzen vergessen. Er bereute es bitter. „…nein, bin ih nihd.“
„Was bist du dann?“
„Wah ande-es. Bide, ih daf das nihd saen. Ih will nihd unfheundlih ercheinen, immein, chasd du mih dach Leben ge-edded. Aeh das sind Sahen, die nihd füh alle Ohen besdimmd sind.“
Betrübt fiel der Bauer wieder ins Schweigen und suchte nach einem neuen Gesprächsthema, um die verlegene Stimmung etwas aufzubessern. Nervös sah er sich um, ohne zu wissen, was er reden konnte. Jedes Thema, das er im Moment finden konnte, würde unweigerlich das eben gestellte Tabu brechen.
Minuten der Stille, später, ergriff dann Kelenas das Wort: „Ghannsd du mih bidde auhhelfen?“, er streckte dem Bauern die Hand entgegen, der sanft an ihr zog, um den Jungen in eine Sitzposition zu verhelfen. Nachdem der Bauer losgelassen hatte, sah er verwundert zu, wie die Flügeln sich Feder für Feder in den oberen Rand zurückzogen und anschließend, wie dieser sich immer mehr verkürzte, bis er aussah, wie ein ganz normales menschliches Schulterblatt. Wenn die Markierung auf der Stirn nicht gewesen wäre, so wäre Kelenas jetzt als ganz normaler Mensch durchgegangen. Und selbst das war nicht so ungewöhnlich, es könnte auch eine Zeichnung eines gelangweilten Kindes sein und noch dazu gut versteckt, durch die Stirnfransen. Nach einigen unbeantwortet bleibenden Fragen, wie der Junge das gemacht habe, gab der Bauer schließlich fürs erste auf und befand: „Leg’ dich jetzt besser wieder hin. Du bist noch lange nicht gesund. Ohne ein Wort, weder des Widerstandes, noch der Bestätigung, beugte sich der Junge wieder zurück, in die Waagrechte und schlief fast sofort ein.
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#4

Entdeckt


Am nächsten Morgen ging es ihm wieder etwas besser. Zwar war seine Zunge immer noch geschwollen, was beim Reden, das er sowieso kaum tat, sehr hinderlich war, und seine Gliedmaßen schmerzten noch stark, aber er schaffte es, sich hinzusetzen und sogar selbst Hühnersuppe zu löffeln, die allerdings schmeckte, als wäre sie von gestern, was sie eigentlich auch war. Der Bauer freute sich riesig über die enorme Verbesserung seines Zustandes. Trotzdem machte er sich immer noch Sorgen, um den Jungen. Es war ihm nicht entgangen, dass er ihm gegenüber sehr verschlossen war, doch er vermutete, dass es einfach daran lag, dass sie sich noch nicht gut kannten.

Auch die nächsten Tage verliefen ruhig und eher schweigsam. Immer, wenn der Bauer ein Thema begonnen hatte, beantwortete der Junge seine Fragen sehr knapp und beendete das Gespräch dadurch meistens sofort. Nur zweimal hatte es der Mann geschafft, den Engel zehn Minuten lang in ein Gespräch zu verwickeln. Doch das Kind hatte sich schon bald so gut erholt, dass es wieder halbwegs laufen konnte, wenn auch etwas unsicher und mit einem stützenden Stock als Hilfsmittel, und das war für ihn das Wichtigste.
Kelenas versuchte sich im Haushalt als Dank nützlich zu machen, obwohl Herr Hartholz mehrfach betonte, dass er das nicht machen müsse. Aber der Junge bettelte so lange, bis ihm der Mann einen Besen gab und meinte, dass es reiche, wenn er den Fußboden etwas zusammenkehre, bis er wieder da sei. Er nahm sich einen kleinen Karren, stellte das meiste der Milch, die er bereits durch das Melken seiner zwei Kühe erhalten hatte, und die sorgfältig und sicher verpackten Eier seiner zehn Hühner hinein und zog ihn in das Dorf, wo er es einzutauschen versuchte.
Der Junge blieb alleine zurück und fegte, bis alles glänzte. Dann stopfte er die größten Löcher in den Wänden, falls er sie erreichen konnte und wusch draußen die schmutzigen Holzteller, und das einfache Besteck, bis das Holz fast spiegelglatt war. Das alles schaffte er nur mit größter Anstrengung – die Krücke war eine große Last, aber ohne sie auskommen zu müssen, währe noch problematischer gewesen.

Ein spielender Junge nahm den verwachsenen Pfad durch den Wald, der direkt zum alten Griesgram, Arnold Hartholz führte. Er war in Auftrag seiner Eltern hier, um Milch beim Bauern zu bestellen. Mit Geschlossenen Augen und pfeifend trat er schließlich aus dem idyllischen Wald. Er beachtete den Brunnen, der ihm schon seit kurz nach seiner Geburt vor fünf Wintern vertraut war, überhaupt nicht und übersah so den fleißigen Kelenas, der seinerseits so mit dem Waschen und Polieren des Bestecks beschäftigt war, dass er den Besucher gleichfalls nicht bemerkte. Er kannte auch noch niemanden, außer dem Bauern und hatte höchstens durch ein Wandloch zweimal Besuch bemerkt.
So schlenderte der kleine Bub unbemerkt auf das Wohnhaus des Bauern zu und wunderte sich, dass keiner da war. Enttäusch trat er den Rückweg an, und blieb mit großen Augen und völlig verdutzt vor Kelenas stehen: „Wer…“ Erschrocken ließ Kelenas die Gabel fallen, mit der er gerade eben fertig geworden war, fuhr wild herum und sah einen kleinen Jungen vor sich, der etwa halb so groß war, wie er selbst. Das kindliche pausbackige Gesicht, auf dem sich einige Schlammspritzer befanden, rahmte eine Stupsnase und bernsteinfarbene, halb erschrocken, halb neugierig dreinblickende Augen ein und wurde oben von schlammig-nassen, fettigen und ungepflegt zerzausten Haaren begrenzt, deren Trockenfarbe unter der Schlammlage wohl brünett war. Die schuhlosen Füße waren am Herweg wohl in Schlamm gelandet, die kurze Hose aus Jutte war schon frisch gewaschen von Schlamm schwer zu unterscheiden, doch jetzt, nach dem nach vergnügen aussehenden Spiel, war sie nass und schlammig, wie alles an dem Jungen. Sie schien nicht richtig zu passen, denn sie rutschte einwenig, was wohl durch den schweren nassen Schlamm noch verstärkt wurde. Als Oberbekleidung, trug der Junge einen einfachen Juttesack, der Löcher für die Arme und den Kopf hatte.
„…Wer…bist…du?“
*Immer müssen sie das als erstes Fragen*, dachte Kelenas nervös – der Bauer hatte es vermieden, seine Anwesenheit kundzutun, was ihm bisher auch ausnahmslos gelungen war.
„Ich… ähm, mein…“

In diesem Moment kam der Bauer mit einem zufriedenen Lächeln, 50 Bronzestücken und seinem Wagen zurück.
Als er den Jungen vor Kelenas erblickte, blieb er geschockt stehen. Er hatte noch nicht vor, das Geheimnis von der Existenz des Engels preis zu geben. Dazu war es seiner Meinung nach noch zu früh. Außerdem, wer weiß, was die Dorfleute dann mit ihm anstellen würden. Ob sie den Engel verehren, oder verachten würden, wusste er nicht. Vielleicht würden sie ihn aber auch für einen verwandelten Dämon halten und ihn umbringen wollen. All diese Fragen und Möglichkeiten bildeten sich in den Gedanken des alten Mannes.
„Emil! Was willst du hier?“, brummte er betont ruhig.
„H-hallo H-Herr Hartholz. Ich wollte nur…“
„Ah, ich verstehe. Warte, ich fülle die Kanne an… Komm mit!“
Erleichtert atmete Kelenas auf. Er war froh, seine Identität nun doch nicht preisgeben zu müssen. * Das wäre auch ein wenig unangenehm. Was hätte ich denn sagen sollen? Ich bin ein Engel, der während des Sturms vom Himmel fiel? Wohl kaum. Am Ende hätten sie noch geglaubt, ich sei ein gefallener Engel und hätten mich verjagt. * Sein Blick folgte dem Mann, der zu den Kühen auf der Weide ging. Er hoffte, der Bauer würde den Jungen – Emil hatte der Bauer ihn genannt – von Kelenas ablenken, sodass seine Identität weiter gewahrt bliebe.

* Das ist nicht gut. Emil ist eine extreme Plaudertasche.*, dachte der Bauer, * Bald wird das Dorf hier anrauschen. Sie hassen Fremde. * Der Mann seufzte. * Naja. Wenn ich an damals denke, wen wundert’s? *
„Warum seufzt du, Herr Hartholz?“
„Du weist, dass du mich Arnold nennen darfst. Ich seufze nur über deine Kleidung. Du bist schmutzig, von oben bis unten! Ich werde dich waschen und dir dann helfen, die Milch zu dir nach Hause zu tragen.“ – hätte der Bauer dieses Angebot nicht gestellt, so hätte Emil sofort verdacht geschöpft. Das war der typische Ablauf, wenn es ein schlammiger Tag war.
Kelenas wusch das Geschirr zu Ende und trug es dann wieder zurück ins Haus. Dann suchte er sich ein Versteck: Der Lagerraum war genau der richtige Ort dafür. Dort wartete er und spähte durch ein Loch. Er hatte von hier aus direkten Blick auf die Eingangstür.
Wie erwartet wurde diese nach wenigen Minuten geöffnet. Sofort wurden die Silhouetten von Emil, einer Kanne und Arnold sichtbar.
Leise beobachtete Kelenas, wie der Bauer Wasser erhitzte und in ein kleines Holzbecken schüttete. Emil schaute sich indes neugierig um. Jedes mal, wenn er zur Tür des unbeleuchteten Lagerraumes Blickte, musste Kelenas sich zusammenreisen, keinen Schrei loszulassen. – Emils Blick schien sich dann direkt in den von Kelenas zu bohren. Emils Augen schienen aufzuleuchten wie Suchlaternen und sein Kopf hielt für den Bruchteil einer Sekunde länger als in jeder anderen Richtung.
„Heute möchte ich ganz heiß baden!“, sagte er dann urplötzlich.
„Heiß ist es schon, aber sicher noch zu heiß. Es kocht noch fast…“, antwortete Arnold Hartholz bestimmt, aber ohne auf Emil zu achten. Dann hörte er nur noch spritzendes Wasser.
„EMIL! Was machst du da!“
Kein Schmerzensschrei ertönte, sondern nur ein leichtes zischen.
Emil hatte sich leise seine Kleider abgelegt und kochte sie jetzt in der Wanne.
„Das hätte doch das Badewasser werden sollen.“, stellte Arnold beruhigt fest.
Er holte eine zweite Holzwanne und ging dann mit einer Kanne hinaus, um nochmals Wasser zu holen.
Während dessen steuerte Emil zielsicher auf den Lagerraum zu.
Erschrocken sprang Kelenas auf, so leise er konnte. – zwei leise klacks waren zu hören, als er sich auf die Krücken stützte. Schnell humpelte er hinter etwas großes, das ganz hinten im Schatten einer Ecke lag. Der Lagerraum war so gebaut, dass er nie sehr warm wurde. Heute war er, wie nach jedem größeren Unwetter, feucht und eiskalt! Trotzdem öffnete der immer noch triefende, schlammverschmierte und jetzt auch noch unbekleidete Emil die Türe und ging direkt auf Kelenas’ Versteck zu.
*Hoffentlich ist Arnold gleich zurück...*, dachte er fest.
Noch fünf von Kelenas’ Schritten, also 10 von Emils, dann hätte Emil ihn gefunden. Doch da rief der Bauer: „Emil! Wo bist du!“
Emil zuckte zusammen und blieb auf der Stelle stehen.
„Was machst du denn da drinnen? Es ist doch kalt! Komm, ich habe hier jetzt ein schönes warmes Bad für dich.“
Die Schritte, die Emil jetzt machte zeigten Kelenas klar seinen Widerwillen und etwas, dass er als bedauern bezeichnet hätte.
*Das war knapp.* Kelenas wagte es nicht, erleichtert aufzuatmen. Er blieb noch Minuten nachdem der Bauer die Tür wieder verschlossen hatte in der dunklen kalten Ecke sitzen und beobachtete den Staub, der durch die Löcher in der Tür beleuchtet wurde.
Dann, endlich, traute er sich wieder zu seinem Aussichtsloch und sah sich um. Als seine Augen sich wieder an die Helligkeit vor der Tür gewöhnt hatten, konnte er ausmachen, wie der Bauer den badenden Bub wusch und mit einer groben Bürste behutsam den Schlamm aus den Haaren bürstete – nein – riss.
Aber das Kind war es anscheinend schon gewöhnt: Ohne unterlass plapperte Emil, was es so neues im Dorf gab. Anscheinend eine der wichtigsten Informationsquellen des Bauern.
Durch ihn erfuhren Arnold und Kelenas, dass beim Unwetter die Hälfte des Viehbestands des Dorfes umgekommen oder entlaufen war, dass das Haus des Bürgermeisters ein riesiges Loch im Dach gehabt hatte, ähnlich wie in der bereits reparierten Scheune der Bauern, dass seitdem kein Händler oder Reisender vorbei gekommen war – eine Information, die Arnold sehr beunruhigte, da dies die Aufmerksamkeit der Umgebung noch weiter auf Kelenas lenken würde und dass fünf Alte und zwei Säuglinge vor Schreck vor dem Unwetter ebenfalls das zeitliche gesegnet hatten. Sowohl Emil als auch der Bauer waren überrascht darüber, dass niemand durch die direkten folgen des Sturmes gestorben war; Kelenas, der die wahre Natur des Unwetters kannte, wunderte sich nicht weiter darüber.
Nachdem Emil endlich gewaschen war, wickelte er sich in ein raues, hartes Stück Stoff, das warm hielt und trocknete. Arnold sagte ihm, er käme gleich wieder und bat ihn, die Füße auf die Bank zu legen und zu warten. Emil tat wie geheißen und nutzte die Gelegenheit, um wieder im Kelenas’ Augen zu starren. Abermals schienen sie zu glühen doch diesmal blieb Emils Blick ganz auf das Loch gerichtet, durch das Kelenas spähte.
Nach kurzer Zeit kam Arnold mit einem Stück Leder, das er von jenen Tieren hatte, die entweder gestorben waren oder wegen ihres Alters mehr Last als Nutzen waren, einem relativ scharfen Messer (das schärfste, das er besaß), einer abgenutzten Nadel und einem Band aus Leder wieder.
Das ganze legte er auf den Tisch und suchte sich dann in der Asche des Kamins ein handliches Stück verbranntes Holz.
Das Leder legte er auf verschiedene Weise an den linken Fuß Emils an und malte mit der Kohle einige Umrisse darauf.
Dann schnitt er es ab und faltete hastig aber gekonnt eine Form, die an einen Schuh erinnerte und mit Nadel und Lederband sorgte er dafür, dass alles in Form blieb.
„Ich habe ihn absichtlich etwas groß gemacht. Wenn du ihn genauer willst, geh’ zum Schuster. Wenn er dir gut genug ist, dann umso besser: er wird dir noch einige Sommer lang passen.“
Schnell formte er auch einen zweiten Schuh für den rechten Fuß.
„Warte, ich habe noch was vergessen“, meinte er dann und ging auf den Lagerraum zu.
Schnell spurtete Kelenas zurück in sein Versteck.
Diesmal sah er es sich aber genauer an: Er hielt sich hinter einem Haufen Mehlsäcke versteckt. An die unteren hatten sich bereits Mäuse heran gemacht.
Arnold ging in eine andere Ecke und holte feine, sehr alte Jutte. – der beste Stoff, den der Bauer besaß, wahrscheinlich aus besseren Zeiten – und einen Stofffaden heraus. Kurz sah er zu Kelenas und nickte ihm unmerklich zu. Anschließend ging er wieder zu Emil und Kelenas schlich zurück an das Loch.
Der Bauer wickelte Emil aus dem Handtuch und maß dann um die Hüfte und die Beine. Wieder schnell und gekonnt formte er eine Hose, diesmal in der richtigen Größe und zog sie Emil sofort an. Aus dem Restleder machte er einen Gürtel, mit einem einfachen Knotverschluss aus dem übriggebliebenen Lederband.
Als nächstes maß er wieder mit seinen Arm-, Hand-, und Fingerlängen den Oberkörper ab.
Bis die Jutte einem Hemd ähnlich sah, dauerte es etwas länger, aber dafür war es umso besser. Es saß perfekt und hielt Emil warm. Noch einmal rubbelte der Bauer kräftig die Haare des Buben trocken und sagte dann, er bringe alles zurück und komme anschließend, um Emil zu helfen, die Milch zu seinen Eltern zu bringen. Schnell ging er in den Lagerraum, in dem Kelenas wieder sein Versteck aufgesucht hatte und raunte Kelenas zu, es dauere nicht mehr lange.
Schließlich ging er, mit dem frisch gewaschenen, noch feuchten Gewand, mit dem Emil gekommen war, der Milchkanne und dem neu eingekleideten Emil über den Waldpfad zu Emils Eltern.
*Endlich* ein tiefer Seufzer der Erleichterung durchbrach die Luft.
Kelenas war schon ziemlich kalt geworden. Jetzt, da kein Grund zur Aufregung da war, wurde ihm das vollständig bewusst. Eine volle Stunde hatte er im Lagerraum verbracht. Wieder an der warmen, vergleichsweise frischen Luft des Wohnzimmers, atmete er einpaar Mal tief durch, räumte dann die Lederutensilien an ihren abgestammten Platz und reinigte beide Wannen mit kaltem Wasser. Der Junge musste mindestens ein Pfund Schlamm mit sich herumgeschleppt haben, denn um so viel waren die Wannen nach Reinigung vermutlich leichter.
Jetzt war Kelenas nur noch hungrig und müde. Er verstaute noch die Wannen und ging dann in die Kochecke. Dort schnitt er sich eine Scheibe Brot, an dessen Rauheit er sich inzwischen gewöhnt hatte, ab und verschlang es mit gierigen Bissen. Anschließend ging er noch mal nach draußen, zum Brunnen und schüttete sich einen Kübel Wasser ins Gesicht. Soviel er erwischte, trank er das Wasser aus diesem Schwall.
Nachdem er sich abgetrocknet hatte, legte er sich in das harte Bett und schlief auf der Stelle ein.

Den ganzen Weg über plapperte Emil munter in einem unversieglichen Schwall. Zum Glück wusste der Bauer, dass darunter auch viel nur Emils Fantasie entsprang: Er erzählte auch oft von kleinen Feen, die wohl mindestens genauso geschwätzig waren wie er. Sie spielten und lachten mit ihm und angeblich hoben zwei von den etwa Handlangen Geschöpfen ihn immer an den Haaren empor zu den Kronen der Bäume, wo sie ihr Reich hatten. Also machte sich Arnold ernsthaft Hoffnungen, dass Emils Eltern Kelenas nur als Hirngespinst abtun würden. Plötzlich sagte Emil etwas, das den Bauern mehr als wunderte:
„…gestern war ich wieder bei Xanythia und Neyxon. Sie haben gesagt, dass der Prinz der Engel gesucht wird! Am Besten erkennen soll man ihn an einem Zeichen auf der Stirn! Es ist ein… ääh… (Diese Stelle kam dem Bauern am merkwürdigsten vor: Emil musste niemals überlegen, was er sagte.) … Hä-ta…. Hä-ta-glamm… Die Dämonen und die Engel streiten nämlich. Wie sie es ja immer tun! Alle suchen ihn jetzt…“ „Wen?“ „Na den Prinzen! Keiner will, dass er tot ist. Alle wollen ihn lebendig. Stell’ dir vor! Die Dämonen wollen ihn lebendig!“ „Wie ist sein Name?“ „Kalones, glaub’ ich.“ Augenblicklich war der Bauer erleichtert. Auch wenn die Namen ähnlich klangen, Emil hörte sehr genau, oft ZU genau. Er hatte in seiner bisher kurzen Lebenszeit von vier ein halb Wintern und Sommern unglaublich schnell sprechen gelernt und schon oft durch übergenaues befolgen von Anweisungen Ärger bekommen, den die Auftraggeber verdient hätten.
Noch einige mehr Infos gab Emil preis, doch nach der Nennung des Namens machte sich Arnold keine weiteren Sorgen. Bald war er, mit dem sauberen und munter plaudernden Emil und frischer warmer Milch, im Haus des nächsten Nachbarn angekommen.
„Guten Nachmittag, Herr Hartholz!“, wurde der Bauer von Emils Mutter begrüßt. „Guten Tag. Es hat etwas länger gedauert, tut mir leid.“ „Ach, das macht doch nichts. Hat er wieder im Schlamm gespielt?“ – Ihr Blick wanderte halb im Ärger, halb euphorisch über ihren Sohn, seine alten und neuen Kleider und sein erstes Paar Schuhe. „Ach, das macht doch nichts.“, meinte Arnold gelassen. Da kam Emils Vater und stellte die gefürchtete Frage: „Und Emil? Was gibt es neues?“ „Der Prinz der Engel wird gesucht!“ „Wer hat dir denn das erzählt?“, fragte der Vater belustigt. „Xanythia und Neyxon.“ „Ah, die beiden schon wieder“, spielte die Mutter mit. „Aber das erzähl uns später. Was gibt es sonst noch neues?“ „Ich habe am Hof jemanden getroffen! Ein Neuankömmling! Er war gerade dabei eine Gabel zu putzen, am Brunnen vom Herrn Hartholz!“ *Oje. Nicht gut…*, Arnold hatte so eine Ahnung, dass es gar nicht so einfach sein würde, das als Phantasiegeschwätz eines 5-wintrigen darzustellen. Vielleicht wäre es sogar besser gewesen, wenn Kelenas als Engel aufgetreten wäre.

Unsicherheit spiegelte sich in den Augen der Mutter, doch auch Fremde hatte er schon oft erfunden. Meistens handelte es sich dann um Kobolde oder kleine Engel. Manchmal waren es sogar Menschen, von denen jede Spur fehlte. Ab und zu gab es dann doch Spuren eines Fremden in der Nähe, doch gefunden hatte man nie etwas. „Bist du sicher, dass dort ein Junge war, Emil?“, fragte seine Mutter sanft. Dort konnte einfach nichts sein. Trotzdem antwortete der Junge mit fester Stimme: „Natürlich! Es war ein blonder Junge und er hält sich noch dort auf. Er hat einen Verband um den Fuß. Fragt doch Herrn Hartholz: Der war dabei.“
Im dem Bauern krampfte sich nun alles zusammen.
Er hatte so etwas schon befürchtet. Nun waren alle Augen gespannt auf ihn gerichtet und er wusste nicht, was er sagen sollte. Sie durften noch nichts von Kelenas erfahren, denn sie würden ihn sicherlich aus dem Dorf verjagen. Wenn es gut ging. Wenn sie ihn als gefallenen Engel einstuften, falls er jemals seine Flügel zeigen würde, würden sie ihn wahrscheinlich töten.
„Haben sie diesen Jungen gesehen?“, fragte nun der Vater und unterbrach damit die Überlegungen Arnolds, was er sagen könne.
„Ich habe nichts dergleichen bemerkt.“, versuchte sich der Bauer herauszureden: „Mein Besteck ist dort, wo es sein sollte und ich habe auch keine ungewöhnlichen Geräusche oder Gestalten gesehen. Vielleicht war es wieder einer dieser plötzlichen Besucher, die so schnell wieder verschwinden mussten.“
Der alte Mann versuchte möglichst spekulierend zu klingen, sodass er hoffentlich keinen Verdacht erwecke. Anscheinend auch mit Erfolg. Eine kurze, aber angespannte Weile wirkten die beiden Elternteile noch nachdenklich, doch dann gaben sie sich mit dieser Erklärung zufrieden. Es verirrten sich wirklich nur selten Leute in diese Gegend. Wahrscheinlich war es nur wieder eines dieser Hirngespinste ihres Sohnes. Vielleicht war es ja ein Heinzelmännchen, das er glaubte, gesehen zu haben.
„Vielen Dank noch einmal, dass Sie Emil nach Hause gebracht haben. Was bekommen Sie denn für die Milch und die neuen Kleider?“, fragte die Mutter schließlich.
„Zahlen Sie, was Sie wollen.“
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#5

Kapitel 4.


Endlich zuhause angekommen, fand der Bauer Kelenas in seinem Bett vor. Auf diesen Krücken musste das verstecken im Haus ziemlich anstrengend gewesen sein.
Mit den guten Fortschritten, würde Kelenas sie aber schon bald ablegen können. Arnold schätzte, dass Kelenas sie in 3 Tagen loswerden und er in 5 Tagen völlig gesundet sein würde. Morgen würden sie kurze Distanzen ohne Krücken üben.
An den Kleidern für Emil hatte der Bauer gut verdient. Fünfzig Bronzestücke hätte er nie verlangt und auch nicht erwartet. So schwer wie jetzt war sein Geldbeutel noch nie zuvor gewesen.
Vom ungewohnten Stress des heutigen Tages war er sehr müde geworden, also beschloss er, früh zu Bett zu gehen. Schon bald fiel er in einen unruhigen Schlaf.

Ein schwerer Sturm tobte ums Haus. Alle Wände schwankten bedrohlich und würden nicht mehr lange standhalten. Arnold, ein fünf Sommer alter, strohblonder Junge, saß zusammengekauert an einer Wand und zitterte am ganzen Leib. Er war allein. Vergeblich versuchte er zu schreien, doch seine Kehle war wie zugeschnürt; er versuchte zu weinen, doch seine Tränen waren schon lange versiegt. Er roch Gefahr in jeder Ecke, fühlte, dass es bald mit ihm zu Ende gehen würde. Kalter Schweiß rann in Strömen an ihm herab. Dann passierte es: Ein Blitz durchfuhr die Hausdecke und brennendes Holz und Stroh, welches noch nicht weggeweht worden war, stürzte auf ihn nieder. Kurz darauf brach die ganze Wand hinter ihm weg. Unter ihm tat sich ein Spalt auf, aus dem Flammen schlugen. Das lodernde Feuer züngelte nach ihm und brachte seine Haut zum schäumen. Er fiel. Er fiel immer weiter und weiter, direkt auf das flüssige Feuer zu, das sich unter ihm befand.

Schweißgebadet und kreidebleich erwachte Arnold. Seine Augen waren vor Schreck weit aufgerissen und er keuchte wild. Es war früher morgen. Bald würde der erste Hahn seinen Schrei erklingen lassen.
Noch nie zuvor hatte Arnold solch einen Traum gehabt.
Langsam richtete er sich auf und atmete tief durch. Als sein Herz sich fast beruhigt hatte, bemerkte er ein vertrautes kratzen vor der Tür. Kelenas war bereits wach und versuchte, den Boden mit einem alten Strohbesen zu fegen. Die groben Borsten waren nicht ideal. Sie erwischten nur den Schotter, der nach drinnen getragen wurde. Getrocknete Erde blieb einfach liegen und Staub verteilte sich gleichmäßiger über den Boden.
Arnold wischte sich den Schweiß von der Stirn und erhob sich aus dem Bett, das er sorgfältig glattstrich. Dann ging er zu Kelenas: „Guten Morgen.“, begrüßte er ihn freundlich. Der blonde Junge sah zu ihm auf und grüßte ebenfalls. Etwas besorgt besah er sich seinen Pfleger, der so bleich wie Kreide war. „Ist etwas nicht in Ordnung?“, wollte er wissen, aber der Bauer antwortete nur: „Es ist nichts, worüber du dir Sorgen machen müsstest.“ Dann bedankte er sich bei Kelenas für die Hilfe um anschließend aus dem Lager hinter dem Haus Gemüse zu holen.
Kelenas sah ihn noch eine kurze Weile nach und setzte seine Arbeit dann fort.
Später, als sie bereits gegessen hatten, versuchte sich der Engel am Laufen. Vorsichtig machte er einen Schritt nach dem anderen, doch nach fünf Schritten musste er sich wieder an die Krücken stützen, da er fast umgefallen wäre.
Der Vormittag verlief ruhig und Kelenas machte große Fortschritte. Bevor sie aufhörten, schaffte er bereits zwanzig wackelige Schritte, ohne die Stützen zu nutzen.
Doch als die Sonne sich langsam ihrem Höchststand näherte, läutenden im Dorf die Alarmglocken. Der Bauer schrak auf. War Kelenas etwa aufgeflogen? Doch was dann kam hatte er nicht erwartet.
Ein Reitertrupp stand vor den Toren des Dorfes und rief aus, dass sie nach einem Jungen suchten.
Pechschwarze Ritter saßen auf pechschwarzen Rappen. Die grausame Stimme des Hauptmannes war über das ganze Dorf hinweg, bis nach hinten zu Arnold Hartholz’ Hof zu vernehmen. Schnell rannte er in Richtung Zentrum des Geschehens. „„…Blonder Junge! Strahlend blaue Augen! Irgendeiner von euch muss ihn ja gesehen haben…!““ *Wie merkwürdig*, dachte der Bauer als er näher kam: *Die Stimme bleibt immer gleich laut!* „„…Auf der Stirn befindet sich ein Zeichen. Er müsste beim letzten Sturm aufgetaucht sein!““…
Je näher Arnold kam, desto klarer wurde die Stimme zwar, aber ihre Lautstärke blieb völlig konstant. „„…eine Belohnung von hundert Goldmünzen!““ Mittlerweile war der Bauer nah genug um die Neuankömmlinge klar zu erkennen. Von nah sahen sie noch schrecklicher aus als von fern. Sie umgab eine starke Aura aus Angst und Wahnsinn und in den Augen der Pferde brannte die ewige Glut der Hölle. Viele Dorfbewohner standen, bewaffnet mit Mistgabeln, Messern und allem was sonst noch verwendet werden konnte, vor dem düsteren Reitertrupp und machten keine Anstallten, diese zu senken.
Arnold kam direkt neben Emils Vater zu stehen. Als dieser ihn aus den Augenwinkeln erkannte, meinte er unsicher und ohne den Blick von der Gruppe vor ihnen abzuwenden: „Passt das nicht zu dem Fremden, den Emil beobachtet haben will?“ „Nein. Ich glaube nicht. Sagte Emil nicht etwas von einem brünetten Kind?“ Die Notlüge beschwichtigte vorerst die Unsicherheit von Emils Vater.
Fast eine Stunde waren alle Männer mittleren Alters am Tor versammelt und warteten, was die propagierenden Reiter tun würden. Die glühende Hitze jenes Sommer-Mittags machte ihnen allen zu schaffen und einige wunderten sich, wie die Ritter in ihren schwarzen Rüstungen völlig ohne Schutz vor der brühenden Hitze solange ausharren konnten.
Dann, endlich änderte sich die Botschaft:
„„Keiner? Kein Einziger hat ihn gesehen?

In fünf Nächten,

Und fünf Tagen,

Wird ein Sturm ziehen,

Über eure Lagen.

Zurück werden wir dann sein.

Schützer des Jungen werden bereuh’n.

Geber eines Falschen Tipps,

werden ebenfalls bestraft!

Geber eines richt’gen Rat’s,

Bekommen hundert gold’ne Chips!

Lebet wohl solang ihr könnt,

Und euch das Schicksal dies vergönnt.

Also muss ich euch warnen:

Die Apokalypse hält nicht vor euren Farmen!““


Mit dem letzten Wort drehten sich all die Reiter synchron um und ritten im Gleichschritt von dannen.
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#6

[FONT=&quot]Kapitel 5.[/FONT] (Teil 1)

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[/FONT] Total verwirrt kehrte der Bauer zu seiner Hütte zurück, wo Kelenas ihn bereits erwartete. Verwundert sah er den alten Mann an, dessen Gesicht von Sorgen geprägt war. „Was ist geschehen?“, wollte der Junge wissen. Der Alte sah auf, als bemerkte er erst jetzt, dass der Junge da war. „Ähm...Es...Sag mal. Wirst du gesucht?“ Kelenas erschrak innerlich, was er aber zu verbergen versuchte. „Wäre möglich. War da jemand?“, antwortete er und versuchte dabei möglichst gelassen zu klingen. „Einige seltsame Reiter.“ In dem Körper des Engels krampft sich alles zusammen. „So? Reiter? Wie sahen die denn aus?“ „Das ist schwer zu sagen. Sie waren komplett in Schwarz gehüllt.“ Kelenas‘ Herz begann zu rasen. Das waren sie, daran gab es für ihn keinen Zweifel. Er hatte nicht erwartet, dass sie ihn so schnell aufspüren würden. In Gedanken versunken starrte er auf den Boden vor sich. Einige Ameisen schleppten gerade einen toten Käfer mit sich mit. Fragend sah der Bauer den Jungen an. „Kennst du sie?“ Der Blonde schüttelte nur den Kopf. „Noch nie gesehen. Habt Ihr ihnen gesagt, wo ich bin?“ Der Alte seufzte. „Nein, das habe ich nicht. Mach dir also keine Sorgen.“ Der Mann schenkte dem Jungen noch ein freundliches Lächeln und ging dann an ihm vorbei. Kelenas sah ihm nach und atmete dann auf. Trotzdem hatte er ein ungutes Gefühl. Diese Kreaturen wussten nun, wo sie ihn fanden. Sie werden nichts unversucht lassen, ihn in ihre dreckigen Finger zu bekommen.
Drei trügerisch friedliche Sonnenaufgänge hatten ihr Licht farbenfroh und kurzweilig über dem Land zur Schau gestellt, seit dem das Ultimatum verhängt worden war. Das ganze Dorf hatte mitgeholfen, auf das Wiederkommen der Reiter vorzubereiten. Die Männer bauten Wälle und schmiedeten Waffen, soweit sie die Materialien dazu hatten. Frauen verriegelten die Häuser und suchten gute Verstecke, die einerseits schwer zu finden sein würden und andererseits leicht zugänglich waren, sodass man deren Inhalt leicht in Sicherheit bringen konnte. Jene Kinder, die bereits alt genug waren, bestellten währenddessen die Felder. Die Jüngeren waren ziemlich auf sich alleine gestellt.
Kelenas hatte es in der Zeit nicht leicht. Ständig kam Emil zu Besuch und hielt nach ihm Ausschau. Nur mit Mühe und etwas Hilfe vom Bauern schaffte er es, unentdeckt zu bleiben und manchmal war er sich gar nicht so sicher, ob Emil ihn nicht doch gesehen hatte.
Kelenas’ Wunden heilten schnell. Dennoch machten seine Beine ihm manchmal noch Probleme, vor Allem wenn er schneller gehen wollte.
Heute erfuhr er etwas, das er nur aus Erzählungen von Weitgereisten seiner Art kannte, die sich unbemerkt unter andere Völker gemischt hatten: Engel trugen ihre Flügel normalerweise ausgeklappt. Schon im Mutterleib waren sie zu erkennen. Während der Geburt wurden sie das erste Mal eingezogen um mit dem ersten Tropfen Milch wieder heraus zu kommen. Dann versuchen sie es tunlichst zu vermeiden, sie wieder zurückzunehmen. Es war einfach nicht sehr angenehm. Wenn man längere Zeit ohne Flügel auskommen musste, fingen die Schulterblätter an zu Jucken. Nach und nach würde sich dieses Jucken über den ganzen Körper ausbreiten und immer schlimmer werden. Laut jenen Erzählungen hielt man es nach beginn des Juckens beim ersten mal drei Tage aus. Kelenas’ Gefühl rechnete eher mit drei Stunden. Er traute sich allerdings nicht, sie erscheinen zu lassen, weil um diese Zeit des Tages meistens Emil vorbeischaute und es eine Weile dauerte, bis Kelenas in seiner momentanen Lage sich wieder halbwegs normal bewegen und noch länger bis er sie wieder verschwinden lassen konnte. Er war sich sicher, dass Emil es bald schaffen würde, auch den letzten Trick des Bauern zu umgehen. Er schien es sich zur Aufgabe gemacht zu haben, Kelenas aufzuspüren.
Und er sollte Recht behalten.
Als der Engel wieder einmal seine Gehübungen vor der Scheune machte, sah er den Jungen einmal mehr auf den Hof zuschlendern. Schnell verkroch er sich in dem Bauwerk aus groben, dunklen Holzbrettern und hielt sich in der Nähe des Notausgangs auf, den der Bauer sicherheitshalber für ihn gemacht hatte. Es handelte sich um eine von Innen verschließbare Klappe, die hinter ein paar Fässern und Kisten, gefüllt mit Gebrauchsgegenständen, versteckt lag.
Rasch verkroch sich Kelenas hinter den Kisten und spähte durch einen Spalt in der Holzwand nach draußen. Der Bauer hatte den Jungen wieder einmal abgefangen und schien mit ihm zu reden. Was er aber sagte, konnte der Engel nicht verstehen. Er hoffte nur, dass es der Bauer weiterhin schaffte, den Jungen von der Scheune fern zu halten.
Tatsächlich hatte Arnold jede Mühe, Emil abzulenken. Langsam kam der Bauer an die Grenzen seiner überstrapazierten Phantasie.
Emil hingegen war heute fest entschlossen, sich nicht abwimmeln zu lassen. Er wollte nochmals mit diesem Jungen reden. Diesmal würde der Bauer ihn nicht loswerden. Ständig spähte er in Richtung Scheune, in der er Kelenas vermutete, und hörte dem alten Mann nicht einmal richtig zu. Irgendwas von großen Ratten redete er, die er erst beseitigen müsse, bevor man sie betreten könne. Das Kind war fest davon überzeugt, gesehen zu haben, wie ein Blonder Junge vorhin darin verschwunden war.

Kelenas ertappte sich dabei, wie er sich die Haut von seinen Schulterblättern schälen wollte. Ganz schlechter Zeitpunkt. Jeden Moment könnte Emil ihn finden.

Diesmal hatte Emil einen Plan ausgetüftelt: Er hatte sich mit den ältesten Kleidern, die ihm gerade noch passten, die Milchkanne ohne das Wissen seiner Eltern geschnappt und sich dann in der sumpfigen Erde, etwas tiefer im Wald, der den Hof Hartholz vom Besitz seiner Eltern in einem schmäleren Streifen trennte, gewälzt, nein, gesuhlt. Er hoffte, Arnold würde ihn wieder baden.
Der Bauer ahnte bereits, dass es diesmal ein Trick war, doch wenn er ihn einfach so nach Hause schicken würde, würden seine Eltern garantiert Verdacht schöpfen.

Schon wieder! Kelenas biss sich auf die Zähne. Das half einwenig.

„Komm mit!“, meinte Arnold in einem auffällig unauffälligen Tonfall. Emil wusste sofort, dass der Bauer den Trick durchschaut hatte.
Zielstrebig ging der Bauer auf sein Haus zu, bereit, Emil zu stoppen, sollte er wo anders hingehen.
Das erste Mal, seit sie sich kannten, ließ sich der Bauer bei jedem Schritt, das Bad vorzubereiten, helfen. Emil half, die Holzwanne zu tragen – Arnold hob nur soviel Gewicht, dass das Kind den Rest gerade so tragen konnte.
Emil half, das Wasser zu besorgen – Hier konnte er erstaunlich viel tragen. Er war es wohl von der vollen Milchkanne, die er ab und zu schleppen musste, gewohnt.
Und Emil „durfte“ auch helfen, das Wasser zum Kochen zu bringen. Er liebte es, mit dem Feuer zu spielen – es hatte etwas reizvolles, gefährliche Kräfte zu kontrollieren. Doch im Moment hatte er keinen Kopf dafür.
Schnell badete er sich und als seine viel zu kleinen Kleider wieder trocken waren – Arnold hatte ihm diesmal keine neuen gefertigt – tat er so, als würde er gehen.
Doch kaum war er im Wald, ging er durch diesen um das Grundstück herum.

Arnold gab Kelenas indessen ein Zeichen. „Das wurde aber auch Zeit…“ Meinte dieser, mit verkrampftem Gesicht. Unter dem kratzigen Hemd, das der Bauer ihm gegeben hatte, waren seine Schulterblätter geschwollen und rot. Wenn er sich nicht zurück hielt, würde er sie blutig kratzen.

Emil versteckte sich hinter einem Busch. Er war schon zuvor nach angeblichem Abschied wieder zurückgekommen. Deswegen würde der blonde Junge sicher den Hinterausgang nutzen.

Vor der Scheune wartete Arnold auf Kelenas, als er plötzlich den Schrei hörte. In einer Sekunde durchfuhren in hunderte Gedanken. Kein einziger davon gefiel ihm.
Schnell lief er zum Geschehen. In diesem Moment wurde Kelenas’ Kopf über der Scheune sichtbar. *Verdammt!* Zum Glück verharrte der Engel so in der Luft und niemand würde ihn so leicht sehen…

Langsam sank Kelenas wieder zum Erdboden. Sanft setzte er auf, nur einen halben Meter vor Emil. Er dachte gar nicht mehr daran, sich nochmals zu verstecken. Breit grinsend und kein bisschen überrascht blieb Emil stehen und wartete. Indessen tauchte hinter der Scheune der Bauer auf. Kalter Schweiß rann ihm in Strömen von der Stirn. *Was machen wir jetzt?*
Mit ruhiger Miene schaute Kelenas direkt in Emils Augen. „Emil.“
Der Bub verbeugte sich übertrieben: „Mein Prinz.“ Vor Überraschung weiteten sich die Augen des Engels: „Woher…“ „Neyxon und Xanythia haben mir von dir erzählt. Und dass Himmel und Hölle in Bewegung sind, nur um dich zu suchen!“ Dunkel erinnerte sich Kelenas an den totlangweiligen Diplomatieunterricht und an Völkerkunde. Xanythia musste ein sehr hochrangiger Naturengel sein… Vielleicht die Prinzessin des Feenreiches. Auch Neyxon kam ihm verschwommen bekannt vor…
Egal. Jedenfalls war es mehr als unwahrscheinlich, dass Emil die beiden kennen konnte. Andererseits würde es einige Dinge erklären…
„Na das ist eine dicke Ratte, die sie da entfernen müssen.“, erdreistete sich Emil zu Arnold. Der antwortete nur stoßweise: „Emil… Wir müssen… reden… jetzt!..“
Eine Minute später saßen Arnold, Kelenas und Emil gemeinsam am Esstisch. Nervös trommelte der alte Mann mit einem seiner dürren, knochigen Finger auf die Tischplatte und sah den kleinen Jungen vor sich streng an.
„Emil, du musst uns versprechen, dass du keiner Menschenseele davon erzählst, dass Kelenas hier ist.“, meinte er nach einigen Sekunden der Stille. „Warum?“, fragte der Junge. Natürlich konnte sich Emil den Grund bereits denken, doch er wollte den Bauern noch ein wenig ärgern. Nur selten bekam er die Gelegenheit dazu, also warum sollte er diese Chance verstreichen lassen?
„Du weißt genau, warum du das nicht weitersagen darfst Emil. Nicht einmal deine Eltern dürfen das wissen.“, antwortete der Bauer, der sich nicht auf das Spiel des Jungen einlassen wollte. Fremde waren hier grundsätzlich nicht willkommen und Nichtmenschen schon gar nicht, besonders nach dem Auftritt dieser seltsamen Gestalten. Jeder würde Kelenas davon jagen oder, noch schlimmer, an diese Kreaturen ausliefern. Der Bauer wusste zwar nicht, was sie waren, aber Menschen waren es nicht, dafür würde er seine Hand ins Feuer legen. Sie hatten eine so gewaltige und unheimliche Ausstrahlung, dass ihm alleine bei dem Gedanken an sie ein kalter Schauer über den Rücken lief.
Dennoch hätte er es nie übers Herz gebracht, seinen Schützling an sie auszuliefern.
„Ja, ja.“, meinte Emil etwas enttäuscht, weil der Bauer nicht auf seine Aussage reagiert hatte, wie er es erhofft hatte. „Nicht ‚Ja, ja’, Emil. Du darfst keiner Menschenseele sagen, das Kelenas bei mir wohnt, verstanden?“
Kurz dachte der Junge darüber nach, willigte dann aber ein. Er hatte sowieso nicht vorgehabt, es dem Dorf zu erzählen. Die würden ihm ohnehin nicht glauben.
Erleichtert atmete Arnold auf. Ein Stein fiel ihm vom Herzen, als das geklärt war. Der Kleine redete zwar gerne, doch er hielt auch seine Versprechen ein. Zumindest war das bis jetzt immer so gewesen.
Schließlich wandte er sich an Kelenas: „Warum behältst du deine Flügel jetzt draußen?“, wunderte er sich.
„Es ist nicht natürlich für unsereins, seine Schwingen über längeren Zeitraum eingezogen zu haben… Zu Zeiten, vor unserer Kultur, als wir noch mehr Tier waren, haben wir sie nie verschwinden lassen. Als unsere Flügel an Größe zunahmen, haben sich zusammen mit unserer Kultur auch der Geburtsentflügelungs- und der Milchflügelreflex gebildet. Natürlicherweise wäre ersterer die einzige Situation, bei der wir nicht fliegen können. Die spätere Kontrolle über diese Reflexe ist relativ schwer zu erlangen und die Schwingen längere Zeit eingefahren zu haben ist nicht gerade gesund: Nach einer Weile beginnt der ganze Körper zu Jucken, bis man sich entweder zu Tode gekratzt oder die Flügel wieder ausgefahren hat. Das geschundene Gewebe muss sich dann erstmal erholen, bevor man wieder Kontrolle über die Reflexe hat.“, rezitierte der Engel trocken aber mit erleichtertem Unterton.
So viel Information hatte sich Arnold Hartholz nicht erwartet, schon gar nicht in Hörweite von Emil, doch anscheinend vertraute auch Kelenas auf das Versprechen des Kindes.

Der Rest des Tages verlief ruhig. Kelenas machte weiter seine Gehübungen und konnte nun, mit dem wesentlich gewohnteren Schwerpunkt, ohne Gehhilfe wieder fast alles machen, was zuvor einige Mühe bereitet hatte. Jetzt, da es egal war, spielte er sogar mit Emil Fangen und Verstecken. Letzteres beherrschte der Kleine so gut, dass Kelenas seine Meinung ändern musste: Es war äußerst unwahrscheinlich, dass Emil die beiden Elfen NICHT kannte. Egal wo der Cherub sich auch versteckte, Emil fand ihn. Je gefinkelter die Verstecke waren, desto schneller wurde er scheinbar gefunden. Am späten Nachmittag schließlich, ging Emil in den Wald – nicht zu seinem Elternhaus sondern genau in die andere Richtung: *Keiner MENSCHEN-Seele haben sie gesagt, richtig?* Mit diesem Abschied kam auch die Realität wieder: In wenigen Tagen würde das Ultimatum enden. Was dann?

Dunkle, schwere Wolken glitten über den Himmel und verdeckten die untergehende Sonne, die ihre letzten wärmenden Strahlen auf die Erdoberfläche sandte. Der Wind war stärker geworden und trieb das Unwetter vor sich her in Richtung des Dorfes. Die Bäume wurden unruhig hin und her gebeutelt und verloren einige ihrer Blätter, die wirbelnd fortgeblasen wurden. Immer wieder zuckte kurz ein Blitz vom Himmel herab und erhellte die Gegend für den Bruchteil einer Sekunde in einem schaurigen, weißen Licht.
In dem Dorf herrschte eine grimmige Stimmung. Mit düsterer Miene griffen die Männer zu Mistgabeln, Messer und allem, was sonst noch irgendwie als Waffe dienen konnte. Die Jäger nahmen ihre Bögen zur Hand, um die Reiter von der Ferne aus von ihren Rössern schießen zu können. Kinder und Frauen flohen in das innere der Hütten, um sich dort zu verstecken und wer einen Keller hatte, verkroch sich dort und verrammelte mit allem, was nicht niet- und nagelfest war, die Türen.
Auch Arnold ergriff eine Heugabel, die er in den letzten Tagen so gut er konnte, angespitzt hatte. Er hoffte, es würde reichen, wenn die Reiter sahen, dass sie in der Überzahl waren, um sie zum Rückzug zu bewegen. Immerhin waren es vor fünf Tagen nicht allzuviele gewesen. Falls es aber doch zum Kampf kommen sollte, dann wollte er sich zumindest ordentlich zur Wehr setzten können. Diese angespitzte Heugabel war eine gefährliche Waffe, selbst für jemanden, der eine Rüstung trug. Damit würde er die Angreifer ordentlich in Schach halten können.
Kelenas beobachtete den Bauern bei dessen Kampfvorbereitungen. Der Junge war zwar nicht im Dorf gewesen, hatte es der Bauer ihm doch verboten, aber Emil war gesprächig wie immer gewesen und hatte ihm vom emsigen Treiben im Dorf berichtet. Dieses Verhalten machte den Engel ganz nervös. Schon mehrere Male hatte er es in Erwägung gezogen, einfach zu verschwinden, doch er brachte es einfach nicht übers Herz, seinen Retter im Stich zu lassen. Er hatte sich wirklich gut um ihn gekümmert. Es wäre nicht fair, ihn in dieser schweren Situation im Stich zu lassen, besonders da es in diesem Kampf um ihn allein ging.
Irgendwann hielt er es nicht mehr aus, tatenlos herumzusitzen und nichts zu tun. Um sich abzulenken, holte er sein Schwert hervor, das er die ganze Zeit unter dem Bett versteckt gehalten hatte. Zuvor hatte der Bauer es nach bestem Wissen gereinigt.
Mühsam kroch Kelenas unters Bett und legte seine Flügel so eng an wie er nur konnte. Als er es dann endlich wieder in Händen hielt, schwang er es und bemerkte zu seiner Zufriedenheit, dass sein Schwertarm wohl wieder vollständig geheilt war. Nur seine Beine machten ihm immer noch einwenig zu schaffen.
Behutsam strich Kelenas über die Runen, die von Meisterhand in die Klinge des Schwertes eingearbeitet worden waren und fühlte dabei auf die kleinen magischen Impulse, die durch seine Fingerspitzen fuhren.
Wenn er wollte, dass das Dorf diesen Kampf überstand, musste er selbst dafür sorgen. Die behelfsmäßigen Waffen der Dorfbewohner würden nur wenig anrichten können.
Lautes Donnergrollen unterbrach seine düsteren Gedanken. Plötzlich berührte ihn etwas am Rücken. Reflexartig fuhr Kelenas in einer einzigen Bewegung herum und hielt seinem Gegenüber die Schwertspitze unter die Nase.
Der völlig erschrockene Emil wich zwei Schritte zurück. Im scharfen Kontrast eines Blitzes, wurde der Ausdruck in Emils Gesicht zu einer dämonischen Fratze. Eine endlose Sekunde lang. Dann war es vorbei. Kelenas senkte seine Klinge und fuhr den Buben, selbst erschrocken, an: „Was willst du denn hier?“
„I…Ich bin hier u-um dir zu sagen, dass Xanythia dir ihre volle Unterstützung zusichert.“
Fassungslosigkeit weitete Kelenas’ Augen. „Du hast ihr von mir erzählt?“, seine Stimme wurde sehr ruhig, „Du hast doch versprochen, niemandem etwas zu sagen!“
„Nein, Kelenas. Ich habe lediglich mein Wort gegeben, keiner Menschenseele etwas zu verraten. Erinnere dich.“ Als Emil sich wieder gefasst hatte, stahl sich der Hauch eines verschmitzten Lächelns auf sein Gesicht – zu subtil für einen Vorwurf, jedoch zu offensichtlich um es zu ignorieren.
Plötzlich fiel Kelenas auf, dass er alles überspitzt wahrnahm. Irgendetwas stimmte nicht. Der Engel befürchtete schlimmes. „Sag mal, Emil, abgesehen von den bevorstehenden Ereignissen, sind dir die Leute im Dorf heute gereizter vorgekommen als normal?“
Kurz nachgedacht, bestätigte das Kind mit einem Nicken.
„Hmm… Denk mal nach: Warst du selbst auch gereizter als gewöhnlich?“
„Ja, allerdings…“, Emils Tonfall wurde nachdenklich.
„Gut – nein, gar nicht gut… Kannst du Xanythia etwas von mir Ausrichten?“
„Natürlich.“
„Pass auf: Ich befürchte, dass das da draußen kein gewöhnlicher Sturm ist. Es ist schon die erste Angriffswelle auf das Dorf: Ein magisch herbeigerufenes Gewitter: Das Wetter spiegelt auch das wieder, was in den Herzen der Menschen passiert! Düstere Gedanken, Hoffnungslosigkeit und Trauer aber auch Zorn, Wut und Hass – all das wird in diesem Moment in uns allen entfacht. Xanythia soll ihr bestes Versuchen, einen Gegenzauber zu sprechen. Sonst ist der Kampf bereits verloren.“

„OK, ich werde es ihr sagen.“, antwortete der Junge und verschwand im nächsten Moment aus dem Haus.
Während dessen hatte das Unwetter bereits das ganze Dorf in seiner Gewalt. Jeder spürte einen mächtigen Druck auf seiner Seele lasten und es fiel schwer, an einen Sieg zu glauben. In den Hütten begannen die wenigen Säuglinge, die es gab, angsterfüllt zu weinen und raubten ihren Müttern dabei noch weitere Nerven. Die Stimmung war überall auf dem Tiefpunkt, doch trotzdem dachte keiner daran, aufzugeben, noch bevor der Kampf überhaupt begonnen hatte. Immer weiter spitzen sie Pfeile und Heugabeln, schärften alte Schwerter, Sensen und Messer. Keiner dachte an einen Rückzieher, denn dafür war es bereits zu spät. Es war nur noch eine Frage von wenigen Stunden, bis diese seltsamen Reiter bei ihnen auftauchen würden und sie hatten den gesuchten Jungen nicht. Es blieb ihnen nur noch der Kampf, wenn sie überleben wollten.
Der Bauer machte sich, nachdem er fand, dass seine Heugabel spitz genug war, ebenfalls auf den Weg ins Dorf. Als Kelenas sah, dass der Alte das Haus verließ, rannte er ihm hinterher, um sich ihm anzuschließen, wurde aber von Arnold aufgehalten. „Es ist besser, du bleibst hier.“, meinte er ernst, „Diese Reiter sind hinter dir her und wenn dich die Bewohner sehen, würden sie dich ohne mit der Wimper zu zucken umbringen. Bleib in meiner Hütte und versteck dich lieber.“
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#7

Kapitel 5. (Teil 2)


Daraufhin schüttelte der Engel aber nur den Kopf. Er war wirklich dankbar, dass sich der Bauer um ihn sorgte, doch er hatte schon viel zu viel für ihn getan. Diese Wesen waren hinter ihm her und nicht hinter den Dorfbewohnern. Sie hatten nur Probleme bekommen, weil er sich bei ihnen versteckt hatte. Es war nicht fair, sie jetzt nicht wenigstens im Kampf zu unterstützen. Das ließ sein Gewissen einfach nicht zu.

Ein weiterer Blitz. Die faltigen Züge des Bauern wurden zu einem grausamen Drachengesicht. Die Augen glänzten bedrohlich. Dann verschwanden sie wieder in den tiefen Schatten der Augenhöhlen. Beide verharrten in einer angespannten Haltung. Sekunden verstrichen.
Endlich entspannte sich Arnold und sah zur Seite: „Wie du willst. Pass aber gut auf dich auf. Ich werde dir draußen keine Deckung geben können.“, sein Tonfall war sorgevoll und gleichzeitig bedauernd. Endlich hatte der Bauer so etwas wie einen Sohn und schon trennten sich ihre Wege wieder. – Dass es so war, spürte er einfach. Er war sich sicher, der kommende Tag würde der letzte sein, an dem sie sich sahen. Seine Stimme wurde brüchig. „Mach’s gut!“ – Mit diesen Worten lief der Bauer aus dem Haus, seine Mistgabel verkrampft in beiden Händen haltend. Ein tiefer Stich ging durch Kelenas’ Herz. In ihm tobte es. Mit zitternden Knien verließ auch er langsam das Haus. In trüben Gedanken versunken, flüsterte er: „Mach’s gut.“
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#8

Kapitel 6.


„Ein Sturm, sagst du? Ein Gewitter? Die Lage ist ernst, mein Freund. Aber es ist gut, dass du da bist.“, die vertraute, blumige und runde Stimme Xanythias hatte in Emils Ohren heute einiges an Ruhe eingebüßt. Neyxon hatte wortlos zugehört, als Emil das merkwürdige Unwetter schilderte und Kelenas’ fatale Vermutung weitergab. Auch jetzt verhielt er sich still. Emil hatte ihn noch nie so still gesehen. Auch die Farbe war vollständig aus seinem Gesicht gewichen. Beiden, Xanythia und Neyxon, ging es nicht sehr gut, das war offensichtlich.
Mit einiger Verzögerung ergriff Emil wieder das Wort: „Gut. Was soll ich tun?“, er war fest entschlossen, zu helfen, aber er hatte nicht die Kraft, geradeaus zu schauen. Sein Blick sank zu Boden.
„Wenn Kelenas recht hat, mein Freund, dann wird dieses Gewitter alle schlechten Erinnerungen hervorkehren und sie verstärken. Dass man es sogar physisch wahrnimmt, zeigt, wie stark der Zauber ist. Gegenzauber helfen da nicht – jedenfalls nicht schnell genug. Was wir brauchen, mein Freund, sind gute Erinnerungen. Jede Menge Gedanken an glückliche Momente, an Höchstgefühle der Unsterblichkeit, an noch so kleine Kleinigkeiten, die je deine Stimmung gehoben haben. Und mit Verlaub, mein Freund“, Xanythias Stimme bekam einen träumerischen Unterton, um ihre weichen Lippen spielte sich ein sanftes Lächeln, „du hattest von allen Menschen, die ich kenne, die meisten Glücksmomente.“ Ein freches Grinsen huschte auch über Emils Mundwinkel, verblasste aber schnell wieder. Wie aus dem Tiefschlaf erwacht, meldete sich nun auch endlich Neyxon, mit seiner Distelstimme: „Was wir dabei am wenigsten brauchen können, Emil, ist Ernst. Selbst für dich mag es schwer sein, in dieser Situation Spaß zu haben, aber genau das ist es, was den Zauber am effektivsten stoppen kann. Schwelge in Erinnerungen, bade im Glück vergangener Zeiten und schrei deine Freude vollbrünstig heraus. Das freie Lachen eines Kindes ist das Beste, was man gegen so eine dunkel-trübe, schwere, erdrückende Magie tun kann.“
„Gewiss werden wir auch unser Bestes auf magischer Seite tun, mein Freund. Doch das allein wird nicht genügen.“, fügte Xanythia an.

Immer schwärzer wurden die Wolken über dem Dorf und schienen die Leute mit ihren Schatten verschlucken zu wollen. Nur selten erleuchtete noch ein Blitz kurz die Gegend, die wie ausgestorben wirkte. Die Geräusche der Tiere waren schon lange verstummt, sodass das Rascheln der Blätter wie ein gewaltiges Knurren erklang. Die dicken Äste ächzten im aufgekommenen Sturm, der wie feinen Regentropfen wild umher wirbelte. Wie kleine Pfeile stachen sie die Haut der Leute, die grimmig auf die Ankunft der Reiter warteten. Immer noch waren sie fest entschlossen, ihr Dorf bis zum letzten Atemzug zu verteidigen, obwohl zerstörte Ernten, Konflikte und andere schlechte Erinnerungen durch ihre Köpfe schwirrten.
Finster sahen sie in die Dunkelheit, wo plötzlich, wie aus dem Nichts, die düsteren Gestalten aus der Ferne aufzutauchen schienen. Wie Schatten, so lautlos, bewegten sich die unheimlichen Pferde auf den kleinen Ort zu. Die schwarzen Umhänge ihrer Herren flatterten hinter ihnen her und schienen regelrecht mit der Nacht zu verschmelzen. Die gewaltige Macht, die sie besaßen, war für die Bewohner deutlich zu spüren.
Dennoch wichen sie nicht zurück. Wie eine unüberwindbare Mauer standen sie vor ihrer Heimat, mit Heugabeln, Jagdbögen und alten, stumpfen Schwertern bewaffnet, und warteten auf die Schlacht, in dem Wissen, dass sie nur wenige überleben würden.
Immer näher kamen die unheimlichen Gestalten auf sie zu.
Wie zur Antwort wurden die Bögen im Dorf gespannt. Lautlos legten die Jäger ihre Pfeile an und warteten.
Kelenas wartete während dessen hinter einem Haus versteckt, bis der Kampf begann, um sich dann unauffällig zu beteiligen. Er konnte die Anspannung und die Furcht der Dorfbewohner sehen, dennoch wich nicht einer einen Schritt zurück. Er bewunderte diese einfachen Menschen für ihren Mut und hoffte, dass ihre Anstrengung nicht um sonst sein würde.

Tanzend und Singend begann der Zauber der Feen. All die Freude, die sie aufbringen konnten, steckten sie in impulsive aber weiche Bewegungen und in ihre Stimmen, die einmal so klangen wie eine bunte Blumenwiese voller wilder Kräuter roch, dann wieder wie der Wald, in dem sie sich befanden, wenn am frühen Morgen mystische Nebelschwaden durch ihn hindurch zogen. Schnell und schneller wirbelten sie um Bäume, sprangen durch Büsche und lebten all die Freude, die sie aufbringen konnten. Mitten in diesem ekstatischen Schauspiel befand sich Emil, der versuchte, es den Feen gleich zu tun. Jeden seiner Gedanken untersuchte er genau, hielt ihn fest, wenn er fröhlich war oder verwarf ihn sofort, wenn er Trübsal enthielt. Anfangs sammelten sich nur wenige Gedanken, doch je freudiger die Feen tanzten und sangen, desto mehr wurden es. Und mit jedem weiteren Gedanken wurde auch das magische Fest der Feen intensiver.
Über dem dichten Blätterdach des Waldes wichen die dunklen Wolken zurück. Wütend schossen sie Blitze in Richtung der Feen, versuchten verzweifelt mit ihrem Donner das Freudenfest zu übertönen, gaben sich aber bald schon geschlagen. Schließlich trat zwischen dem bunten Volk Xanythia hervor und sprach zu Emil: „Es ist so weit. Du hast nun genug Freude um das Unwetter in Schach zu halten. Ziehe nun fort, mein Freund, und rette, was zu retten ist. Doch merke, egal was dir passiert: Wir sind bei dir und unterstützen dich. Nicht eher wird unser Fest end
en, als dieses Gewitter sich aufgelöst und jeder seinen vollen Willen zurück hat.

„„Ihr wagt es?““ – Die schneidenden Worte des ersten schwarzen Reiters erfüllten das ganze Dorf. Dichter denn je waren die Wolken jetzt. Über ihm zogen sie sich zu einem bedrohlichen Trichter zusammen. „„Ihr wollt wirklich gegen uns Kämpfen? Dieses klägliche Dorf beschützen? Euer eigen Leben geben?““ Ein Blitz, der direkt aus dem Wolkentrichter kam, verband sich direkt vor dem Heer, erhellte Sekunden lang das Feld und zeigte erschütternd dessen Übermacht. „„Keiner hat ihn gesehen? Wirklich nicht? Dann soll es geschehen.““ Der einschüchternde, dumpfe Ton eines schweren Hornes brachte die Häuser zum beben. Die Dorfbewohner blieben still.
Noch nie zuvor hatte Zekron solche Menschen gesehen. Trotz der Einschüchterung durch das Kriegsgewitter blieben sie standhaft. Nie hätte er vor einem seiner Männer zugegeben, dass er beeindruckt war. Ihm selbst war es eine komplett neue Erfahrung.
Wütend scharten die Rösser der Reiter mit den Hufen am Boden und hinterließen dabei tiefe Furchen. Ihr drohendes Schnauben hallte durch die ganze Gegend.
Erneut ertönte das Signal des Hornes. Die Pferde bäumten sich auf und donnerten dann im wilden Galopp auf die Dorfbewohner zu.
Schnell schossen die hinteren Reihen der Bauern ihre Pfeile ab, die wie ein unheilvoller Regen auf die Reiter herab schnellten.
Zekron, jedoch, stoppte sein Tier und streckte ihnen sekundenschnell seine Handfläche entgegen. Eine gewaltige Schockwelle breitete sich vor ihr aus und lenkte die Geschoße ab, während die anderen Reiter an ihm vorbei rasten und in die Linie der Verteidiger einfielen. Sofort hörte man die ersten Todesschreie über das Land hallen.
Der Vermummte senkte den Arm wieder und stürzte sich nun auch in die Schlacht.

Kelenas bekam eine Gänsehaut, als der schwarze Stahl von Schwertern und Lanzen unter den Bauern die ersten Opfer forderte. Wie eine Seuche breitete sich das Blut über den Boden aus und tränkte ihn damit. Der Griff um sein Schwert verfestigte sich. Nun war der Zeitpunkt gekommen, um zu handeln.
Schnell sprang er aus seinem Versteck hervor und schon bald wurde er von einem der Reiter entdeckt. Ohne zu zögern galoppierte dieser auf den Engel los und schwang dabei drohend sein Schwert. Ein weiterer Blitz ließ die Klinge kurz aufleuchten und präsentierte das dunkle Blut, das die Schneide rötete.
Sogleich begab sich Kelenas in Abwehrstellung und wartete ab. Sein Herz raste, doch er verspürte keine Furcht, nur Abscheu.
Mit einem lauten Klirren krachten die zwei Schwerter aufeinander. Durch die Wucht des Schlages verlor der Junge aber den Halt unter seinen Füßen und wurde zu Boden geschleudert, während das schwarze Ross ungerührt an ihm vorbei lief. Sofort machte es eine Wende und raste auf den Blonden zu, um ihn zu zertrampeln.
Ohne zu zögern schwang der Engel sein Schwert und traf das Vorderbein des Pferdes. Verzweifelt wieherte es, als es stauchte und zu Boden fiel. Unsanft wurde der Vermummte dabei aus dem Sattel geworfen, rollte sich auf der Erde ab und stand im nächsten Moment wieder vor Kelenas, der ebenfalls aufgestanden war.

Um sie herum herrschte Chaos. Einige Häuser am Rande des Dorfes brannten und es würde nicht lange dauern, bis das Feuer über die Dächer sprang.
Lauthals verteidigten die Bauern ihr Hab und Gut. Laut prallten Mistgabeln auf Lanzen, Klirrten Messer und Schwerter und surrten Bögen.
Leise metzelten die Dämonen und ließen keine Gnade walten. Für sie schien es mehr wie ein Spiel den eines wahrhaften Kampfes.
Langsam – sehr langsam sogar – aber todsicher brach der Wille der Dorfbewohner.

All dies spürte Kelenas, als er mit hoch über seinem Kopf erhobenem Schwert auf seinen Gegner zu schnellte. Dieser konterte sofort. Funken stoben wo sich die Klingen trafen.
Ein schneller Schlagabtausch brachte die Luft um sie förmlich zu glühen.
Der Kampf hätte wohl ewig so weiter gehen können, als plötzlich einer der Dorfbewohner den Engel entdeckte: „Seht! Da ist er –“ – das waren die letzen Worte des armen Jägers. Sein Kopf rollte zu Boden, direkt vor die Füße des Jungen. Verstört sah er in die starren Augen und den weit aufgerissenen Mund. Im letzen Moment hörte er das Surren der feindlichen Klinge und warf sich nach hinten. Keinen Augenblick zu früh. Unsanft schlug er mit dem Kopf auf den Boden und bekämpfte die aufsteigende Ohnmacht. Nicht so schnell, wie er gewollt hätte, riss er sein Schwert vor sein Gesicht und blockte damit den Berserker-Schlag seines Kontrahenten.

Lachend, tanzend und Pfeifend folgte Emil dem Pfad aus dem Wald heraus. Direkt über ihm und auch hinter ihm löste sich das Gewitter unter donnerndem Protest auf und allem Leben fiel sichtbar ein Stein vom Herzen, als er es passierte. Vor ihm Donnergrollen und fahles, grelles Blitzlicht, hinter ihm strahlendes Grün und Vogelgezwitscher. In diesem Moment trat er auf den Grund Arnolds. Voll Freude holte er sich nochmal all die Erinnerungen an die letze Woche zurück.


TO BE CONTINUED
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#9
Hab mal angelesen und das ist echt super ^^ werd mir das morgen oder am samstag komplett durchlesen und dann gibts ne ausführlichere rückmeldung ^^
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#10
Danke Breites Grinsen

Das sind übrigens ~20 A4 Seiten...
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